Bond-Profi: Prognose für europäische Staatsanleihen derzeit ein Wagnis
Die Renditen europäischer Staatsanleihen werden in den kommenden Monaten stark von politischen Entwicklungen beeinflusst, meint John Taylor von Alliance Bernstein. Er sorgt sich um Frankreich – und erklärt, warum Deutschland der "sichere Hafen" in Europa bleibt.
Europäische Staatsanleihen sind derzeit noch schwerer zu prognostizieren als sonst. Schuld daran ist vor allem die Frankreich-Wahl im kommenden Jahr, die einen unsicheren Wahlausgang und großes disruptives Potenzial hat. John Taylor, Leiter europäische Anleihen bei Alliance Bernstein, bevorzugt bei Euro-Staatsanleihen zwar Italien gegenüber Frankreich, insgesamt setzt er aber auf deutsche Bundesanleihen und nicht-staatliche Papiere.
Frankreichs Wahl als Unsicherheitsfaktor
Italienische und französische Staatsanleihen bieten aktuell nahezu die gleiche Rendite und den gleichen Spread gegenüber deutschen Bundesanleihen, sagt Taylor. Fundamental betrachtet seien beide Länder mit Blick auf die Zukunft ähnlich zu bewerten – was sich auch in den Ratings im Laufe der Zeit widerspiegeln sollte. Noch ist Frankreich aber besser bewertet als Italien. Taylor erwartet, dass sich das französische Rating verschlechtert, sofern keine grundlegende Korrektur des Kurses der Haushaltsverschlechterung erfolgt – und mit der rechnet er nicht.
Stattdessen dürfte die Wahl immer stärker in den Fokus treten und potenziell französische Staatsanleihen stark belasten. Daher bevorzugt er italienische Staatsanleihen gegenüber französischen. Generell rät er aber zu einer Kombination deutscher Staatsanleihen zur Sicherheit und Investment-Grade-Unternehmensanleihen sowie Covered Bonds zur Erzielung von Zusatzrendite.
Niedrigere Renditen Ende 2027
Taylor geht davon aus, dass die Renditen europäischer Anleihen bis Ende 2027 deutlich niedriger sein werden als heute. Er sagt: "Der Markt preist aktuell ein, dass die EZB die Zinsen bis Ende des ersten Quartals 2027 auf drei Prozent anheben und diese restriktiven Zinssätze beibehalten wird. Die europäische Wirtschaft hat sich als sehr empfindlich gegenüber hohen Zinsen erwiesen. Wir gehen daher fest davon aus, dass die Zinserhöhungen, sollten sie tatsächlich erfolgen, das Wachstum in Europa bremsen werden."
Sollten dann weiterhin kaum Anzeichen für Inflations-Zweitrundeneffekte zu erkennen sein und sich die Arbeitsmärkte weiter abschwächen, dürfte die EZB seiner Meinung nach die Zinsen wieder auf den neutralen Leitzins von zwei Prozent senken. (jh)












