Die Börse ist auch nicht mehr, was sie mal war. Diese Ansicht teilen anscheinend immer mehr Aktiengesellschaften. Die Funktion der Anteilsmärkte als lebendiger Umschlagplatz und attraktive Kapitalsammelstelle für Firmen hat in den vergangenen Jahren deshalb arg gelitten.

Immer mehr Jungunternehmen entscheiden sich von vornherein gegen eine Börsennotiz – unter anderem, weil damit verbundene Auflagen wie die vierteljährliche Berichterstattung vor allem von Mittelständlern und Start-ups als lästige weil kosten- und zeitintensive Pflicht empfunden wird. Doch auch bereits gelistete Firmen hegen in zunehmendem Maße Absichten, sich wieder von der Börse zu verabschieden. Beides reduziert – in Kombination mit den vor allem in den USA vielfach praktizierten, milliardenschweren Aktienrückkaufprogrammen – die generelle Auswahl für Anleger und ist womöglich ein Grund für den derzeitigen Auftrieb der Weltaktienkurse, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

Zudem werden nicht genug frische Aktien ausgegeben, um die Zahl jener Emittenten auszugleichen, die dem Anteilsmarkt adé sagen. Laut Daten des Deutschen Aktienstituts wagten zwischen 1998 und 2002 sage und schreibe 362 Firmen den Gang aufs Parkettt. Zum Vergleich: Seit 2013 gab es am deutschen Aktienmarkt gerade mal 53 Neuemissionen.

Private-Equity-Hunger...
Ein wichtiger Treiber für die allgemeine Entkapitalisierung der Börsen, der sogenannten "De-Equitization": Private Beteiligungsgesellschaften wie Blackstone oder KKR begnügen sich angesichts ihrer prall gefüllten Kassen längst nicht mehr mit kleinen Häppchen, sondern übernehmen zunehmend auch große börsennotierte Konzerne. In den vergangenen Monaten beispielsweise wurden in Deutschland der Handelsriese Metro, der Leuchtmittelhersteller Osram und der Medienkonzern Axel Springer zum Ziel professioneller Firmenaufkäufer.

Für gewöhnlich werden die Übernahmeobjekte von den Private-Equity-Firmen nach einer Übergangszeit von der Börse genommen – vor allem, damit Sanierungsstrategien geräuschlos und ohne Widerspruch vonseiten anderer Aktionäre durchgesetzt werden können.

...sorgt für Knappheitspreise
Verschiedene Krisenherde wie der Handelskrieg und der Brexit haben es bisher nicht geschafft, die aktuelle Aktienrally zu stoppen. Die dennoch gute Entwicklung könnte deshalb tatsächlich am Mangel an Aktien liegen, schreibt Reuters.

An der Wall Street etwa hatte es im vergangenen Jahr rund 3.600 gelistete US-Unternehmen gegeben – im Jahr 1997 waren es noch 7.500. Auch in Deutschland schrumpft das Aktiensortiment: Standen vor zehn Jahren noch mehr als 700 AGs auf dem Kurszettel, sind es heute nach Angaben der Weltbank gerade mal 465. (fp/ps)