Am vergangenen Mittwoch schickte die Veröffentlichung der US-Inflationszahlen für April Schockwellen durch die Finanzmärkte. Mit der anziehenden Teuerung steigt der Druck auf die Notenbanken, eine Straffung der Geldpolitik vorzunehmen – auch in Europa. Anders als in den USA hat die Europäische Zentralbank (EZB) noch nicht explizit die Vorgaben geändert, nach denen sie ihre Geldpolitik auszurichten gedenkt. "Je mehr sich die Wirtschaft also aus der Pandemiekrise befreit, desto eher wird von der EZB erwartet, den Notbetrieb einzustellen", sagt Martin Lück, Kapitalmarktstratege bei Blackrock.

Da die Zentralbank in Deutschland immer noch mehrheitlich kritisch gesehen wird, scheint es für Politiker im Wahljahr verlockend zu sein, "die Seelen der negativzinsgeplagten Sparer zu streicheln und baldige Zinserhöhungen zu fordern", sagt Lück. Die EZB tue aber gut daran, sich auf ihre eigenen Analysen zu verlassen. Denn sobald die Basiseffekte beim Bruttoinlandsprodukt und die Inflation aus der Statistik verschwinden, wären schärfere Finanzierungsbedingungen Gift für die weitere Erholung im Euroraum. Aus Sicht von Lück spricht vieles dafür, dass die EZB den Termin der nächsten Ratssitzung am 10. Mai nutzen wird, um dies unmissverständlich klarzumachen.

Inflationszahlen sind überzeichnet
Anleger sollten derzeit nicht allzu viel in volkswirtschaftliche Statistiken hineininterpretieren, rät der Experte. Der Impffortschritt ermöglicht eine schnelle Öffnung von Dienstleistungsbereichen, die stark unter der Pandemie gelitten haben. Die Folge sind exorbitante Anstiege in Wachstums-, Preis- und Umsatzstatistiken, die durch die Abfolge von Stillstand und Öffnung überzeichnet sind. Lück erinnert etwa an Chinas bereinigtes Wirtschaftswachstum von 18,3 Prozent im ersten Quartal. Sein Fazit: "Genauso wenig, wie BIP-Expansion im zweistelligen Bereich die neue Realität darstellt, sind es Inflationszahlen wie die Aprilwerte aus den USA." (fp)