Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe war weit mehr als nur ein erhobener Zeigefinger in Richtung der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Europäischen Gerichtshofs, sagt Blackrock-Kapitalmarktstratege Felix Herrmann. Besonders pikant findet er die Aufforderung an die Notenbank, die Verhältnismäßigkeit ihres Anleiheprogramms zu erläutern. "Das ist eine Ohrfeige für die EZB unter Mario Draghi, der hier mangelnde Sorgfalt vorgeworfen wird", sagt er – und es hat das Potenzial, die Unabhängigkeit der Zentralbank zu untergraben. 

Das Urteil war ein weiterer Sargnagel für ein Europa, das seine Probleme gemeinsam angeht, kritisiert Herrmann. "Nicht nur die Signalwirkung des Urteils ist fatal, auch seine Details sind durchaus heikel", sagt er. Der Stratege sieht die Gefahr, dass künftig in Ausschüssen des deutschen Bundestags darüber diskutiert und befunden wird, ob die Geldpolitik der EZB angemessen ist. "Dies dürfte der Anfang vom Ende einer unabhängigen Geldpolitik in Europa sein", warnt er.

Risiken von Peripherie-Anleihen könnten steigen
Am Markt für Risikoaktiva hatte das Urteil des Bundesverfassungsgerichts bislang keine Auswirkungen, berichtet der Blackrock-Experte. Eine nennenswerte Reaktion war nur bei den Risikoaufschlägen italienischer Staatsanleihen zu beobachten. "Mittel- bis langfristig könnte das Urteil aus Karlsruhe jedoch durchaus für Nervosität am Markt sorgen", prophezeit Herrmann. "Insbesondere dann, wenn die EZB etwa aufgrund mangelnder Unabhängigkeit in ihrer Beinfreiheit über Gebühr beschränkt wird." Blackrock stellt deshalb seine Empfehlung, Staatsanleihen der Euro-Peripherie überzugewichten, auf den Prüfstand. (fp)