Regulierer und Ratingagenturen beurteilen die Glaubwürdigkeit von Unternehmen in Bezug auf ihr ESG-Commitment zunehmend nach Standardkennzahlen und über Multiple-Choice-Kästchen. Dabei sind derart oberflächliche Maßstäbe ungeeignet, um die wahre Innovationskraft von Unternehmen zu bewerten, die schlussendlich tatsächlich eine positive Wirkung auf die Gesellschaft entfalten und die Welt zum Besseren verändern wollen. Das ist eine "tragische Fehlentwicklung", schreibt James Anderson, Partner beim schottischen Investmenthaus Baillie Gifford, in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung” (FAZ): "Wenn wir glauben, eine Standardvorlage für alle Unternehmen in allen Branchen und in allen Ländern durchsetzen zu müssen, dann werden wir am Ende eine trockene, phantasielose, ängstliche und regelbuchgesteuerte Welt bekommen."

Stattdessen plädiert Anderson dafür, dass Investoren auch "Ideen unterstützen, die auf den ersten Blick unvernünftig scheinen mögen, aber das Potential haben, eine positive Wirkung auf die Gesellschaft zu haben". Der US-Autokonzern Tesla beispielsweise schneidet in vielen einschlägigen Ratings schlecht ab, da die Zusammensetzung des Vorstands hinsichtlich Geschlechtervielfalt und Diversität sowie der Vergütung des Topmanagements nicht in ESG-Prüfschemata passen und nicht zuletzt weil der ungestüme Vorstandschef Elon Musk zu Twitter-Eskapaden neigt und dabei auch regelmäßig mit der Börsenaufsicht SEC in Konflikt gerät. 

ESG-Ratings behindern Veränderung
Anderseits sei das Unternehmen aber ein echter Veränderer, der direkt und indirekt einen riesigen Beitrag zur Verbesserung der Welt im Sinne einer Umweltentlastung leiste. Baillie Gifford war bereits früh als Aktionär bei Tesla eingestiegen und ist allen schwachen ESG-Ratings zum Trotz weiterhin investiert. Eine Abkehr vom bewährten Investmentansatz, Unternehmen individuell nach ihren Visionen zu bewerten und stattdessen nach Vorschrift zu beurteilen, hält Anderson für falsch: "Es zeigt sich, dass standardisierte ESG-Rahmenwerke in ihrer Gesamtheit der Veränderung von Unternehmen – und schließlich der Welt – hin zum Besseren zutiefst schaden." (fp)