Der Mensch als wirtschaftlich rational handelndes Wesen ist ein Konstrukt, das in der Realität so nicht vorkommt. Für diese Erkenntnis gab es bereits zweimal den Wirtschaftsnobelpreis (2002 und 2017). Vielen Entscheidern ist dennoch nicht bewusst, dass es den hauptsächlich durch Verstand und Vernunft geleiteten Menschen auch in den höchsten Ebenen der Finanzindustrie nicht gibt, in der die Entscheidungen vordergründig stets auf Basis harter Zahlen und Fakten getroffen werden. Das machte Teodoro Cocca, Professor für Wealth und Asset Management an der Johannes Kepler Universität Linz, jüngst in einem Vortrag klar.

Informationsmangel, Gehirnstruktur, Stress
Insbesondere Anlageexperten müssten sich der Fehleranfälligkeit ihrer Entscheidungen bewusst sein, so Cocca, der drei Hauptgründe für "unvernünftiges" Handeln sieht: Erstens hat ein Akteur nie alle Informationen zur Verfügung, weshalb eine Handlungen schon per se niemals vollkommen rational sein könne. Zweitens sei das menschliche Gehirn begrenzt verarbeitungsfähig und schlicht nicht darauf ausgerichtet, tausende Informationen zu kanalisieren. Und drittens sorgt der psychologische Stress dafür, dass man sich rationalen Abwägungen oft gar nicht erst hingibt: "Eine Studie zeigt, dass ein Devisenhändler in der Regel 45 Sekunden Zeit hat, um auf eine relevante Marktinformation zu reagieren. Alle Befragten haben das als Stresssituation beschrieben. Die Untersuchung hat belegt, dass auch der durchschnittliche Finanzprofi am Ende aus dem Bauch entscheidet", so Cocca, der auf einer Veranstaltung von ARTS Asset Management vor internationalen Finanzjournalisten sprach.

Wenn es um diverse "Streiche" geht, die uns unser Gehirn uns spielt, ist es demnach relativ egal, ob jemand vom Fach ist oder ein Laie. Kaum jemand kann sich in gewissen Situationen frei machen von unbewussten äußeren Einflüssen, wie etwa ein Experiment zeigt, das sich um den sogenannten Effekt des "Anchorings" ("Ankereffekt") dreht: Probanden, die gebeten wurden, den Anteil afrikanischer Staaten in der UNO zu schätzen, setzten den Wert höher an, wenn ein davor gedrehtes Zahlenrad zufällig bei einer höheren Nummer stoppte.

Verzweifeltes Gehirn sucht Anker
Nicht überzeugt, dass die Wirkung auch in Gruppen repliziert werden kann, die ein hohes Bewusstsein punkto Zahlen haben, machte das Team um Cocca einen Test unter 300 vermögenden Anlegern. Diese mussten schätzen, wie viele Zahnärzte es in London gibt, wobei sie davor aufgefordert wurden, die letzten vier Ziffern der eigenen Handynummer zu notieren. Das Ergebnis sei in seiner Eindeutigkeit überraschend gewesen: "Je höher die niedergeschriebene Zahl, desto höher die Schätzung. Wenn wir die Antworten nicht kennen, sucht das Gehirn nach einem Anker und orientiert sich an dem letzten verfügbaren Wert, auch wenn er nicht in einem sinnvollen Zusammenhang steht", so Cocca.

Beobachten könne man den Effekt bei Anlegern, die eine von 100 auf 70 Euro gesunkene Aktie gefühlt als "günstig" einstufen. Anstatt den Wert von 70 zu hinterfragen, nimmt man die 100 Euro als Vergleichswert.

Ähnliche "Verhaltens-Anomalien" wie diese, die für Anleger oder Finanzspezialisten zum Fallstrick werden können, gibt es viele. Zum Beispiel nimmt unser Gehirn nach dem Gesetz der selektiven Wahrnehmung bevorzugt jene Informationen auf, die die eigene Meinung stützen, während andere Details ausgeblendet werden und unter den Tisch fallen – schlecht für Investoren, die den schönen Schwan schon erkennen wollen, während alle anderen noch das hässliche, unterbewertete, Entlein sehen.

Des Spielers Trugschluss
Nicht weniger problematisch ist die als "Gamblers Fallacy" bekannte Fehlleistung, die den Trugschluss eines Roulette-Spielers beschreibt, der nach sieben Mal rot die Wahrscheinlichkeit für schwarz in der nächsten Runde höher schätzt – eine unzulässige Verknüpfung von Vergangenheit und Zukunft, denn die Chancen liegen erneut bei 50:50. Auch Anleger neigen dazu, die Zukunft falsch abzuleiten – etwa, wenn es um Bullenmärkte geht, die gefühlsmäßig einmal ein Ende haben müssen oder bei Aktien, die nach einer Verluststrecke der Empfindung nach wieder ins Plus drehen sollten. "Unserem Gehirn fällt es schwer, Wahrscheinlichkeiten korrekt einzuschätzen", warnt Cocca.  

Das Pannen-Potenzial wird nicht gerade gelindert durch das in der Finanzbranche angeblich weit verbreitete Muster der Selbstüberschätzung. So sieht zumindest die Forschung: "Untersuchungen zeigen, dass die meisten Investoren die Neigung haben, ihre Fähigkeiten höher einzuschätzen als die der Mitbewerber", sagt der Experte.

Pepsi-Test regt zum Denken an
Wenig beruhigend ist dabei, dass auch die reflektiertesten Menschen oft gar keine Chance haben, diverse psychologische Irrtümer zu vermeiden. Das fördern die immer besser werdenden neurologischen Messmöglichkeiten zutage. In der noch jungen Disziplin der Neuroökonomie gilt der so genannte "Pepsi-Test" als guter Beleg dafür, wie einfach die Beurteilung von gut oder schlecht "gedreht" werden kann: Den Studienteilnehmern schmeckte Pepsi im Blindtest besser als Coca Cola, was auch durch die gesonderte Messung der Hirnaktivität im Geschmacksareal bestätigt wurde. Bei der offenen Verkostung hingegen schnitt Cola besser ab, wobei auch die Geschmacksempfindung im Gehirn Cola bevorzugte. "Es ist verblüffend aber auch beängstigend, wie sehr das Gehirn von außen beeinflusst werden kann", so Cocca. (eml)