Der EU-Aktionsplan Sustainable Finance bezieht sehr stark Beratung und Vertrieb der Produkte mit ein. Daran lassen Vorgaben wie die Offenlegungsverordnung (anwendbar weitgehend seit 10. März), die Taxonomieverordnung (ab 2022) oder die geplante Novellierung von Mifid II und IDD (voraussichtlich anzuwenden im 2. Halbjahr 2022) keinen Zweifel. Zunehmend kristallisieren sich nun konkrete Problemstellungen heraus, die im Beratungsalltag Fingerspitzengefühl erfordern. Das zeigt sich zum Beispiel an der Frage, welche Produkte man eigentlich noch empfehlen darf, wenn ein Kunde ausdrücklich nachhaltig anlegen will.

Die EU-Offenlegungs-VO teilt hier bekanntlich alle Finanzprodukte in drei Kategorien ein: "hellgrüne" (Artikel-8-Produkte), sobald sie einen Nachhaltigkeitsaspekt bewerben, "dunkelgrüne" (Artikel-9-Produkte), die eine konkrete ESG-Wirkung verfolgen ("Impact") und alle anderen (konventionellen) Produkte. Doch auch konventionelle Produkte können durchaus ESG-Kriterien verfolgen, bewerben dies aber nicht. Darf man diese dann als Berater noch einsetzen, wenn der Kunde nachhaltig veranlagen will? Nein, hört man bei vielen Fondsgesellschaften; 8er- und 9er-Fonds seien dann das Mittel der Wahl. Doch so einfach ist es nicht, wie der Kapitalmarktexperte und Rechtsanwalt Andreas Zahradnik, Partner der Kanzlei DORDA gegenüber FONDS professionell ONLINE erklärt. Es zeigt sich sogar, dass die Frage nach Artikel 8 oder 9 mitunter komplett irrelevant ist.

Nur Umwelt oder ESG?
Die Antwort hänge wesentlich davon ab, was der Kunde unter "Nachhaltigkeit" versteht. Ein Problem sei: Es gibt kein gesetzliches einheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit. "Nicht einmal die Taxonomie-VO und die Offenlegungs-VO sind sich einig und auch in der Praxis umspannt der Begriff eine große Bandbreite", so Zahradnik. Notwendig sei daher, dass Berater "ein gutes Verständnis darüber entwickeln müssen, welchem Nachhaltigkeitsbegriff der konkrete Kunde anhängt". Meint ein Kunde etwa nur die Umweltsicht, wie die Taxonomie-VO? Oder will er das volle "ESG-Spektrum" berücksichtigt wissen, wie es der Rahmen der Offenlegungs-VO vorsieht? Daran habe sich die Empfehlung zu orientieren.

Dies könne bei Kunden, die nachhaltig veranlagen wollen, Auswirkungen in zwei Richtungen haben:
•    Versteht ein Kunde unter Nachhaltigkeit etwa ausschließlich den Kampf gegen den Klimawandel, "wird ein Produkt, das aufgrund sozialer Kriterien im Sinn der Offenlegungs-VO als nachhaltig gilt, nicht den Vorstellungen des Kunden entsprechen, selbst wenn dieses Produkt als Art 8- oder Art 9-Fonds im Sinn der Offenlegungs-VO gilt", so Zahradnik.
•    Entspricht das Nachhaltigkeitsverständnis des Kunden nicht der Offenlegungs-VO, "kann durchaus auch ein Fonds seinen Wünschen entsprechen, der weder ein Art 8- noch ein Art 9-Fonds im Sinn der Offenlegungs-VO ist, aber trotzdem die individuellen Kundenvorgaben erfüllt", so der Experte, dessen Kanzlei sich auch auf ESG spezialisiert hat.

"Zusammengefasst ist es aus unserer Sicht zentral, dass Berater und Kunde vom selben sprechen, wenn sie Nachhaltigkeit meinen", so Zahradnik. Ein "Automatismus", dass einem Kunden mit ausdrücklich geäußerter Nachhaltigkeitspräferenz Art. 8-/Art. 9-Produkte angeboten werden dürfen oder müssen, sei nicht zu erkennen.

Beweislast beim Berater
Zahradnik meinte bei einem Vortrag im Rahmen des diesjährigen "Bildungskickoffs" der Finanzdienstleister in der WKO am Montag, dass Haftungsfragen bezüglich Nachhaltigkeit noch die Gerichte beschäftigen würden. Wenn ein Kunde klagt, mit dem Argument, ein Produkt sei doch nicht nachhaltig gewesen, werde man nicht nur über die Definition von Nachhaltigkeit streiten müssen, sondern es werde auch zu prüfen sein, ob überhaupt ein finanzieller Schaden vorhanden ist, und wenn ja, ob der Schaden darauf zurückzuführen ist, dass das Produkt nicht nachhaltig war (Kausalität). "Man sollte von den Anbietern durchaus Informationen einfordern, wie sie die Kriterien erreichen", riet Zahradnik. Er machte darauf aufmerksam, dass in Fällen, wo der Berater direkt mit Haftungsfragen konfrontiert ist, die Beweislast beim Berater liege und verwies auf die Dringlichkeit des Dauerthemas Dokumentation. (eml)