In der Geldpolitik gibt es eine goldene Regel: Die Inflation sollte bei zwei Prozent liegen. Bei diesem Wert soll sich eine Volkswirtschaft besonders stabil entwickeln, so die Erwartung der Notenbanken. Die Historie zeige aber oft das Gegenteil, sagt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management. "Als sich ab Mitte der 80er Jahre in Japan eine gigantische Vermögensblase bildete, lag die Kerninflation im Schnitt bei zwei Prozent – genau wie in den USA während der Dotcom-Blase oder am Vorabend der Finanzkrise", sagt der Anlagestratege.

Für Galler haben die fünf führenden Notenbanken das größte geldpolitische Experiment der Nachkriegszeit gestartet. Als Konsequenz befinden sich die Leitzinsen auf historisch niedrigen Niveaus. Der Erfolg dieser Politik halte sich bislang jedoch in Grenzen: "Das Wirtschaftswachstum in den USA liegt seit der Finanzkrise bei durchschnittlich 2,3 Prozent pro Jahr im Vergleich zu 2,8 Prozent in der Expansionsphase davor", erklärt Galler. In der Eurozone seien es 1,1 Prozent gegenüber 2,0 Prozent.

Gefährliche Fehlanreize
Die Nebenwirkungen dieser Politik sind dafür umso gravierender. Sie schaffen einen Anreiz, sich immer mehr zu verschulden. Je stärker die Verschuldung von Staaten und Unternehmen steigt, desto stärker schrecken die Notenbanken davor zurück, die Leitzinsen nachhaltig zu normalisieren, weil ein zu hoher Zins zu einer deflationären Schuldenkrise führen könnte. "So dreht sich das Rad zwischen mehr Verschuldung und expansiver Geldpolitik immer weiter – und solange die Inflation im Rahmen bleibt, sehen die Notenbanken keine Notwendigkeit einer grundsätzlichen Kursänderung", sagt Galler. (fp)