Die Kapitalmärkte sehen sich nach Einschätzung von Trevor Greetham einem anderen Umfeld gegenüber als noch im vergangenen Jahrzehnt. Künftig seien wiederkehrende Inflationsschocks wahrscheinlich und die Rückkehr zu einem dauerhaft niedrigen Inflationsregime alles andere als sicher, sagte der Leiter Multi-Asset bei Royal London Asset Management im Gespräch mit FONDS professionell ONLINE in Frankfurt.

"Das Anlageumfeld verändert sich. Portfolios, die für die Welt der 2010er Jahre gebaut wurden, sind möglicherweise nicht mehr für die Welt der 2020er Jahre geeignet", erklärte Greetham. Statt eines stabilen Inflationspfads müssten sich Investoren auf eine deutlich höhere Volatilität bei den Preisentwicklungen einstellen.

Royal London verwendet dafür den Begriff "Spikeflation". "Wir glauben, dass die Inflation in eine neue Phase eintritt. Anleger sollten nicht mit einem stetigen Preisauftrieb rechnen, sondern mit wiederkehrenden Inflationsschocks", so Greetham. Auslöser seien unter anderem geopolitische Spannungen, Deglobalisierungstendenzen, strukturelle Rohstoffengpässe sowie hohe staatliche Verschuldung.

Zweifel am klassischen 60/40-Modell
Vor diesem Hintergrund stellt Greetham die traditionelle Aufteilung zwischen Aktien und Anleihen infrage. "Die Lehre aus dem Jahr 2022 lautet, dass Aktien und Anleihen gleichzeitig fallen können. Klassische 60/40-Portfolios bieten daher möglicherweise weniger Diversifikation, als viele Investoren annehmen", betonte er.

Aus seiner Sicht werde die Verwundbarkeit traditioneller Mischportfolios häufig unterschätzt. Besonders problematisch seien Phasen, in denen Inflation und Konjunktur gleichzeitig in die falsche Richtung liefen.

Genau dieses Risiko sieht Royal London Asset Management derzeit. "Unsere Kojunkturzyklus-Indikatoren deuten darauf hin, dass die Inflationsrisiken steigen, während sich das Wachstum abzuschwächen beginnt. Dadurch entsteht das Potenzial für ein stagflationäres Umfeld", erklärte Greetham.

Rohstoffe als wirksamer Schutz 
Als Konsequenz plädiert Royal London für eine breitere Diversifikation. Insbesondere Rohstoffe seien aus Sicht des Asset Managers in Portfolios nach wie vor unterrepräsentiert.

Historisch hätten sich Rohstoffe in Inflationsphasen als wirksamer Schutz erwiesen. Viele Investoren würden jedoch weiterhin zögern, weil Rohstoffe keine laufenden Erträge generieren und daher nicht in klassische Bewertungsmodelle passen. Greetham sieht darin einen Fehler. "Unserer Meinung nach verdienen Rohstoffe einen festen Platz in diversifizierten Multi-Asset-Portfolios."

Barbell-Ansatz mit Energie und Chips
Taktisch setzt Royal London derzeit auf eine sogenannte Hantelstrategie. "Aktuell sind wir sowohl in Rohstoffen als auch in Technologie übergewichtet. In einer Welt, die von Knappheiten geprägt ist, gibt es einen Mangel an Energie und einen Mangel an Chips", sagte Greetham.

Die Strategie soll unterschiedliche Marktszenarien abdecken. Eskalieren geopolitische Spannungen und steigen die Energiepreise, könnten Rohstoffe profitieren. Entspannt sich die Lage, dürften vor allem Technologieunternehmen Rückenwind erhalten. Nach Ansicht des Multi-Asset-Chefs erhöht die Kombination beider Anlageklassen die Widerstandsfähigkeit von Portfolios gegenüber einem zunehmend unsicheren makroökonomischen Umfeld. (dv)