Zwölf Billionen US-Dollar: So viel Geld haben Politik und Notenbanken seit Beginn der Coronakrise bereitgestellt, um die wirtschaftlichen Folgen diverser Lockdowns und sonstiger Einschränkungen abzumildern. Das ist mehr als zehnmal so viel, wie Länder während der Finanzkrise in den Jahren 2008/2009 aufgewendet haben. Man sollte meinen, dass die Liquiditätsflut die Verbraucherpreise in die Höhe treiben würde. Das ist bislang aber nicht der Fall. "Ganz im Gegenteil war die Inflationsrate in Europa jüngst sogar drei Monate in Folge rückläufig", sagt Rui Soares, Anlageprofi bei FAM Frankfurt Asset Management. Zuletzt lag die Teuerungsrate bei minus 0,3 Prozent. "Somit scheint aktuell eher eine Deflation zu drohen", konstatiert Soares.

Eine Geldschwemme allein ist kein Auslöser für eine hohe Inflation, erklärt der Anlageexperte. Er verweist auf das Beispiel Japans, wo sich die Bilanzsumme der Notenbank gemessen am Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zehn Jahren in etwa vervierfacht hat. Trotzdem balanciert Japan permanent am Rande einer Deflation. Zwar könne eine expansive Geld- und Fiskalpolitik dafür sorgen, dass die Nachfrage die Produktionskapazitäten übersteigt. "Damit es zu einer signifikanten Inflationssteigerung kommt, darf die zusätzliche Binnennachfrage aber nicht von Extra-Importen zu stabilen Preisen erfüllt werden können", sagt Soares. "Nur dann kommt es zu Inflationsdruck. Und dies kann nur passieren, wenn die lokale Währung signifikant abwertet."

Drei Effekte könnten die Verbraucherpreise treiben
Momentan drucken die Notenbanken fast aller großen Wirtschaftsnationen eifrig große Mengen an frischem Geld. Es ist also schlichtweg niemand da, gegen den ihren Währungen abwerten könnten, erklärt der FAM-Experte. Zugleich dürfte die Geldpolitik wegen der hohen Verschuldung vieler Staaten bis auf Weiteres sehr expansiv bleiben, die Zinsen also niedrig. Die Finanzmärkte rechnen erst für das Jahr 2030 wieder mit einem leicht positiven kurzfristigen Zins. Für europäische Anleger bedeutet das: Die "Japanisierung" Europas wird wohl weiter voranschreiten.

Nur drei Effekte könnten die Inflation zumindest zeitweise in die Höhe treiben, sagt Soares: Massiv steigende Rohstoffpreise, eine teilweise Zurückverlagerung der Produktion aus Schwellen- in Industriestaaten sowie eine spürbare Anhebung der CO2-Steuer. Die Wahrscheinlichkeit, dass einer dieser drei Aspekte eintritt und dann auch noch deutlichen Einfluss auf die Teuerungsrate hat, sei aber nicht sehr hoch, sagt der Anlageprofi. Sein Fazit: "Eine signifikante Wiederbelebung der Inflation ist als sehr unwahrscheinlich anzusehen." (fp)