Bei wesentlichen Marktbeobachtern steigt derzeit die Alarmstimmung merkbar an. Alle Augen scheinen auf das Losrollen der erwarteten Pleitewelle gerichtet: Dank staatlicher Unterstützungen und aufgrund der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht bei Überschuldung gab es in Österreich im stark von der Corona-Pandemie betroffenen zweiten und dritten Quartal 2020 weniger Unternehmensinsolvenzen als im Vorjahr. Diese unnatürlich rückläufige Statistik schürt sowohl das Misstrauen der Unternehmen untereinander als auch die Sorgen der Ökonomen.

Die Hälfte hatte Liquiditätsengpässe
Dass die momentane Ruhe bei den Ausfällen rein statistischer Natur ist, darauf weist unter anderem das neue Zahlungsmoralbarometer des Kreditversicherers Atradius hin. Aufgrund der Corona-Wirtschaftskrise hatte 49 Prozent der befragten Lieferanten oder Dienstleister in den vergangenen Monaten Schwierigkeiten, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen – der Wert liegt deutlich über den 38 Prozent, der durchschnittlich in den anderen zwölf untersuchten Ländern Westeuropas erhoben wurde.

Hauptursache für die Liquiditätsengpässe waren schwindende Umsätze (58 Prozent). Dagegen waren verspätete Bezahlung bei Österreichs Firmen mit 33 Prozent relativ gering; der westeuropäische Durchschnitt lagen sie bei rund 47 Prozent. Viele österreichische Firmen gewähren in dieser Situation Zahlungsziele, um wettbewerbsfähiger zu sein, sagt Franz Maier, Generaldirektor von Atradius Österreich. Das sichere einige der momentan so wichtigen Umsätze. Das durchschnittliche Zahlungsziel lag in den vergangenen Monaten bei 42 Tagen und damit deutlich über dem Vorjahr (31 Tage). 

Geld künftig lieber sofort oder im Voraus
Gleichzeitig zeigt sich aber, dass die Unternehmen extrem vorsichtig geworden sind: 41 Prozent steigern ihre Investitionen in Maßnahmen zur Forderungseintreibung. Und um das Risiko weiter einzudämmen, wollen die meisten das Geld künftig lieber gleich sehen: 53 Prozent der befragten Firmen, bestehen in den kommenden Monaten verstärkt auf Sofortzahlungen oder Vorkasse.

Die deutliche Vorsicht spiegelt sich auch im neuen Stabilitätsreport der Nationalbank (OeNB) wider. Das österreichische Bankensystem stehe zwar im Europavergleich gut da. Doch durch den erwartenden Anstieg der Insolvenzen im Jahr 2021 werde sich auch hierzulande die Kreditqualität in den Portfolios der Banken "merklich verschlechtern", heißt es: Vermehrte Kreditaufnahmen erhöhen den Verschuldungsgrad der Unternehmen, gleichzeitig ist aufgrund sinkender Gewinne weniger Geld zur Kreditrückzahlung vorhanden, Eigenkapital aufzubauen wird ebenfalls schwieriger. Laut OeNB-Berechnung haben die staatlichen Maßnahmen heuer für einen Rückgang der der Insolvenzen um rund zwei Drittel gesorgt. Der Nachholeffekt könnte also massiv sein.

Beschleunigung von Effizienzmaßnahmen bei BankenDie
Letztendlich dürfte die Krise bei den Banken dazu führen, dass diese ihre Kosten weiter senken und bei der Kreditvergabe noch restriktiver werden. Die OeNB ruft die Institute dazu auf, „Augenmerk auf eine solide Kapitalbasis“ zu legen – unter anderem muss die Auszahlung von Dividenden weiter genau abgewogen werden. Außerdem mahnt die OeNB zu "nachhaltigen Kreditvergabestandards" insbesondere am Immobilienmarkt der mancherorts Überhitzungstendenzen zeigt. Auch operativ sollen die Banken effizienter werden, damit die langfristige Profitabilität gewährleistet bleibt, so die OeNB. (eml)