Analyst warnt vor "bösem Erwachen" durch US-Inflationsdaten
Die anstehenden US-Inflationsdaten könnten die jüngste Aktienrally belasten. Während Anleger derzeit vor allem auf Entspannung im Nahen Osten und sinkende Ölpreise setzen, warnt Etoro-Analyst Maximilian Wienke vor einem möglichen "Inflationsüberhang", der die Zinshoffnungen infrage stellen könnte.
"Die Märkte befinden sich aktuell in einem Tauziehen zwischen geopolitischer Entspannung und strukturellen Preisrisiken", schreibt Maximilian Wienke, Marktanalyst bei der Handelsplattform Etoro, in einem Marktkommentar. Entscheidend dürfte dabei die Entwicklung des Ölmarkts bleiben. Er warnt vor einem möglichen "bösen Erwachen", wenn am Dienstag (12.5.) und Mittwoch (13.5.) die US-Inflationsdaten bekannt gegeben werden.
Hintergrund ist die weiterhin fragile Lage rund um den Iran und die Straße von Hormus, eine der wichtigsten Transportrouten für den globalen Ölhandel. Zwar hoffen Investoren auf eine diplomatische Lösung zwischen den USA und dem Iran und eine Normalisierung der Lieferketten. Allerdings könnten die bereits erfolgten Ölpreisanstiege noch längere Zeit in den Inflationsdaten sichtbar bleiben.
Besonders relevant für Anleger: Der Markt fokussiert sich derzeit stark auf mögliche Entspannungssignale und blendet kurzfristig höhere Inflationsdaten weitgehend aus. Ob diese Gelassenheit anhält, dürfte maßgeblich von den kommenden Datenveröffentlichungen abhängen.
Am Dienstag wird der US-Verbraucherpreisindex (CPI) veröffentlicht, einen Tag später folgt der Erzeugerpreisindex (PPI). Nachdem die US-Inflation im März überraschend bei 3,3 Prozent gelegen hatte, spricht laut Wienke vieles dafür, dass der Preisdruck hoch bleibt.
Ölpreis treibt Inflation mit Verzögerung
Vor allem die Entwicklung am Ölmarkt könnte für anhaltenden Inflationsdruck sorgen. Laut Wienke waren die Brent-Futures im März um rund 43 Prozent gestiegen, bevor im April ein weiterer Anstieg um etwa sechs Prozent folgte. Selbst wenn die Ölpreise zuletzt wieder nachgegeben hätten, wirke sich dies zeitverzögert auf die Verbraucherpreise aus.
Dieses Phänomen beschreibt der Analyst als "Inflationsüberhang". Gemeint ist damit, dass sich höhere Energiepreise oft erst mit Verzögerung entlang der Wertschöpfungsketten bis hin zu Endverbrauchern und Unternehmen durchsetzen. Sinkende Rohstoffpreise führen daher nicht automatisch zu einer schnellen Entspannung bei der Inflation.
Für Investoren könnte dies insbesondere mit Blick auf die Geldpolitik relevant werden. Zwar preisen die Märkte derzeit weder Zinssenkungen noch weitere Zinserhöhungen der US-Notenbank ein. Fed-Vertreter hatten zuletzt jedoch signalisiert, dass bei anhaltend hoher Inflation auch erneute Zinsschritte nach oben nicht ausgeschlossen seien.
Noch wird laut Wienke ein möglicher Inflationsanstieg an den Märkten vielfach als temporär interpretiert. Solange die Verhandlungen mit dem Iran Fortschritte machten und die Rohstoffpreise mittelfristig wieder sinken, könnten Anleger einen moderaten "Inflationsüberhang" tolerieren, so Wienke.
Kritisch würde die Situation jedoch dann, wenn geopolitische Hoffnungen enttäuscht werden. Sollten die Gespräche ins Stocken geraten oder die Lage an den wichtigen Öltransportrouten erneut eskalieren, könnte sich die Stimmung an den Märkten schnell drehen.
Unternehmensbewertungen reagieren auf Zinsniveau
Besonders anfällig erscheint dabei der Technologiesektor. Die aktuelle Börsenrally wird weiterhin maßgeblich von großen KI- und Technologiewerten getragen. Gerade diese Unternehmen reagieren jedoch sensibel auf steigende Finanzierungskosten.
"Tech-Giganten investieren derzeit massiv in KI-Infrastruktur, und genau diese Investitionen sind stark zinssensitiv", betont Wienke. Höhere Inflationsdaten könnten die Kapitalmarktzinsen länger auf hohem Niveau halten und damit Margen und Bewertungsniveaus unter Druck setzen.
Zusätzliche Aufmerksamkeit dürfte daher dem Erzeugerpreisindex zukommen. Während der Verbraucherpreisindex die bereits bei Konsumenten angekommenen Preissteigerungen misst, gilt der PPI als Frühindikator für künftigen Kostendruck in der Industrie. Ein hoher Produzentenpreisanstieg bei gleichzeitig noch moderatem Verbraucherpreisniveau könnte darauf hindeuten, dass Unternehmen höhere Kosten bislang nicht vollständig weitergegeben haben.
Für Anleger bleibt damit die zentrale Frage, ob die Märkte tatsächlich vor einer vorübergehenden Inflationsphase stehen oder ob sich erneut ein strukturell höheres Preisniveau etabliert. Entsprechend hoch dürfte die Bedeutung der anstehenden Daten für Zins-, Aktien- und Rohstoffmärkte sein. (dv)















