Ein Chart, der im Sommer kursierte, hat für erhebliches Aufsehen gesorgt. Er zeigte, dass die weltweiten Zentralbanken außerhalb der Vereinigten Staaten erstmals mehr Gold als US-Staatsanleihen in ihren Währungsreserven hielten. Einige Beobachter werteten dies als potenziellen Wendepunkt in der globalen Geldordnung: Nach Jahrzehnten der Dollar-Dominanz scheine sich das Gewicht der Weltreserven in Richtung Gold zu verschieben. Thomas Kulp, Analyst bei der DZ Bank, sieht andere Gründe.

Staatsanleihen: Bewertungsverlust statt Bestandsabbau
Der Dollar, so eine gängige Interpretation, verliere als sicherer Anker und Leitwährung an Bedeutung, während Gold eine Renaissance als globales Wertaufbewahrungsmittel erlebe. "Ein zentrales Problem bei der Interpretation derartiger Vergleiche liegt jedoch in der Vermischung von Marktwert- und Nominalwertdaten", sagt Kulp. Denn: Der Renditeanstieg zehnjähriger US-Treasuries ab Ende 2021 führte zu deutlichen Kursverlusten von US-Anleihen und damit zu einem Rückgang des Marktwerts der in den Zentralbankbilanzen verbuchten Wertpapiere. In der Statistik erscheint dieser Effekt wie ein Abbau von Beständen, so der Analyst, tatsächlich handele es sich aber überwiegend um Bewertungsverluste. Die Datenquellen lassen nach seiner Ansicht eher darauf schließen, dass kein aktiver Abverkauf von US-Staatsanleihen stattgefunden hat.

Gold: Preiseffekt verstärkt Bedeutungszuwachs
"Dies soll zwar nicht bedeuten, dass Gold in den vergangenen Jahren keinen Bedeutungszuwachs in den Währungsreserven erfahren hätte", sagt Kulp. Vielmehr hätten Zentralbanken nach Angaben des World Gold Council seit 2010 knapp 6.000 Tonnen Gold zusätzlich erworben, was einem Zuwachs von 20 Prozent entspricht. Im selben Zeitraum habe sich der Goldpreis aber in etwa vervierfacht. "Allein seit 2020 ist der Marktwert der weltweiten Goldreserven um rund 115 Prozent gestiegen, während das Volumen in Tonnen um lediglich drei Prozent wuchs", sagt der DZ-Bank-Analyst.

Seine Schlussfolgerung: "Der Großteil des Bedeutungszuwachses von Gold in den Währungsreserven der Zentralbanken ist demnach auf den Bewertungs- und nicht auf den Volumeneffekt zurückzuführen." (jh)