Nach den kräftigen Kursgewinnen an den Aktienbörsen der vergangenen Monate mehren sich die Stimmen, die vor Einbrüchen im zweiten Halbjahr warnen. Gerade den Boom bei künstlicher Intelligenz sehen immer mehr Beobachter mit Skepsis und prangern Übertreibungen an. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass auf ein gutes erstes Börsenhalbjahr oft auch eine gute zweite Jahreshälfte folgt.

Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls Kapitalmarktstratege Sebastian Dörr und Investmentchef Christian Subbe vom Family Office HQ Trust. Die beiden haben die Entwicklung von Aktienbarometern des Anbieters MSCI für die USA, Europa, den Pazifik-Raum und die Schwellenländer sowie den weltweiten MSCI ACWI seit 1988 ausgewertet. Die beiden prüften für jedes Jahr die Kursentwicklung von Januar bis Juni sowie von Juli bis Dezember.

"Starker Momentum-Effekt"
Generell neigen die Börsen zu einem guten ersten Halbjahr. So kletterten etwa beim MSCI ACWI in 26 Jahren von Januar bis Juni die Kurse, während lediglich in 13 Jahren die Notierungen fielen. Und meist folgte auf den positiven Jahresstart auch ein gutes zweites Halbjahr. So legte der Weltindex nach einem starken ersten Halbjahr im Mittel um weitere 5,6 Prozent bis Jahresende zu. In Nordamerika liegt das Plus bei fünf, in Europa bei sechs Prozent.

"Am stärksten fiel dieser Momentum-Effekt in den Schwellenländern aus", berichtet Dörr. "Nach einem guten Start ins Jahr stiegen Aktien aus den Emerging Markets im weiteren Jahresverlauf im Schnitt erneut um acht Prozent." Etwas schlechter sei es im Mittel für Aktien aus der Pazifik-Region gelaufen. "Sie kamen in den Monaten von Juli bis Dezember im Schnitt nur auf einen Zuwachs von zwei Prozent."

"Klares Muster"
Anders sieht es hingegen bei einem schwachen Börsenauftakt aus. "Schloss der MSCI ACWI das erste Halbjahr im negativen Bereich ab, gab der globale Aktienindex im Schnitt auch im zweiten Halbjahr weiter nach", erläutert Dörr. "Allerdings hielt sich das Minus mit 0,5 Prozent in Grenzen." Deutlicher ging es für die Schwellenländer nach unten. "Im Mittel verlor der Index nach einem negativen Jahresauftakt zwischen Juli und Dezember weitere 5,8 Prozent", so Dörr. "Auch europäische Aktien gaben im Schnitt um 2,8 Prozent nach."

Anders sieht es jedoch für Nordamerika und den Pazifik-Raum aus. "Nach einem schwachen ersten Halbjahr fiel hier in der zweiten Jahreshälfte im Mittel noch ein kleines Plus an: 1,8 Prozent in Nordamerika und 0,1 Prozent in der Pazifik-Region", sagt Dörr. Er resümiert: "Über alle Regionen hinweg zeigt sich ein klares Muster: Die Aktienmärkte tendieren eher dazu, einen einmal eingeschlagenen Trend fortzusetzen, als ihn umzukehren." Ein starkes erstes Halbjahr sei historisch also kein Warnsignal, "sondern im Schnitt ein gutes Omen für die zweite Jahreshälfte", folgert Dörr. (ert)