Lang hat die Europäische Zentralbank (EZB) an der Inflation als "temporäres Phänomen" festgehalten – dass heuer beim Blick auf die hohen Teuerungsraten auch Basiseffekte mitbedacht werden müssen, nachdem 2020 die Preise in der heruntergefahrenen globalen Wirtschaft stark gesunken waren, ist klar. Doch mittlerweile mehren sich die Hinweise, dass auch innerhalb der EZB die Unsicherheit über die Höhe und Dauer der Inflation steigt.  

EZB-Stratege Tobias Linzert gestand in einem am Mittwoch ausgestrahlten Gespräch mit dem ARD-Magazin plusminus, dass die Inflation deutlich höher ausgefallen ist, als erwartet. Und fast zeitgleich warnte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel vor Inflationsrisiken. Sie hält es in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg zwar für möglich, dass die Teuerung mittelfristig unter den angestrebten zwei Prozent liegen wird. Allerdings seien die Inflationsrisiken "eher nach oben gerichtet". Schnabel geht davon aus, dass die EZB-Volkswirte ihre Inflationsprognosen für kommendes Jahr nach oben revidieren werden.          

Österreich im Oktober plus 3,7 Prozent
In einer Online-Veranstaltung warnten auch Eric Samuiloff, Obmann der Fachgruppe Finanzdienstleister Wien und Martin Kwauka, Initiator des Finanzjournalistenforums, die Inflation außer Acht zu lassen. Kwauka verwies auf die im Oktober 2021 um 3,7 Prozent gestiegenen österreichischen Verbraucherpreise – der höchste Anstieg seit 13 Jahren (getrieben bekanntlich besonders stark durch die Energiepreise, etwa bei Heizöl plus 60,8 Prozent).

Wie deutlich die Inflation das Geldvermögen allein bei der von der EZB verfolgten Marke von zwei Prozent aufzehrt, verdeutlichte Samuiloff mit einer Grafik: Nach nur fünf Jahren wäre ein "Tausender" gerade einmal rund 900 Euro wert. 

Nach den Angaben von Kwauka haben die Bürger derzeit rund 315 Milliarden Euro un- oder minimalverzinst auf der hohen Kante. Bei einem angenommenen negativen Realzins von minus 2,7 Prozent (2021er Wifo-Inflationsprognose von 2,8 Prozent minus ungefähre Einlagenverzinsung von plus 0,1 Prozent) würde das bedeuten, dass die Österreicher allein heuer einen Kaufkraftverlust von 8,5 Milliarden Euro einstecken müssen.

In börsenotierten Aktien seien derzeit nur 36 Milliarden Euro veranlagt, in Investmentfonds 79 Milliarden Euro. Möglicherweise beginne aber bereits ein Umdenken, so Kwauka: In Summe seien heuer 4,2 Milliarden Euro in Spareinlagen geflossen, aber bereits 4,9 Milliarden in Wertpapiere.

Unternehmen mit Preissetzungsmacht
Einem inflationären Umfeld könne man Anlagestrategien wie Aktien mit Preissetzungsmacht (Unternehmen, die Rohstoff- und Lohnteuerungen weitergeben können) entgegensetzen, hieß es bei der Präsentation. Kwauka machte auch darauf aufmerksam, dass bei hohen Inflationstraten zyklische, konjunktursensible Aktien vergleichsweise besser laufen. Aggressive Wachstumstitel mit Gewinnen, die in Zukunft stark steigen, leiden hingegen mathematisch durch die Abzinsung. "Bei einem Prozent Zinsen entsprechen 100 Euro Jahresgewinn im Jahr 2031 heute einem Barwert von 91 Euro. Bei drei Prozent sind es 74 Euro, bei fünf Prozent  nur 61 Euro", so ein Beispiel Kwaukas.

Während sich das Sparbuch in den vergangenen Jahren nicht mehr rentiert hat, gab es mit Werten wie Aktien, Gold oder Immobilien sehr hohe Zuwächse: So hatte laut Finanzjournalistenforum der US-Index S&P 500 seit dem Jahr 2010 einen Zuwachs um 320 Prozent, im Stoxx 600, der die wichtigsten europäischen Aktien enthält, waren es 89 Prozent. Der Goldpreis stieg demnach in US-Dollar im selben Zeitraum um 61 Prozent. Und Immobilien (die im Unterschied zu Mieten nicht im Inflations-Warenkorb enthalten sind) haben sich in Österreich mehr als verdoppelt (plus 109 Prozent).

Samuiloff wies außerdem auf den Erfolg von Dividendenstrategien hin: So haben bekannte Fonds wie JPM Global Dividend, CS Global Dividend Plus Equities (USD), DWS Top Dividende LD oder Schroder ISF Global Equity Yield (Acc Euro) innert zehn Jahren zwischen rund 8,4 und knapp zehn Prozent Performancezuwachs (per annum) hingelegt. (eml)