Kroatiens Notenbankchef als neuer EZB-Vize nominiert
Der kroatische Zentralbankchef Boris Vujcic steht davor, neuer Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) zu werden – und damit als erster Vertreter Osteuropas in das sechsköpfige Direktorium der Notenbank einzuziehen.
Mit der Entscheidung beginnt eine über zwei Jahre laufende personelle Neuaufstellung des Gremiums. Der 61-jährige Währungspolitiker erhielt am Montag (19.1.) die Unterstützung der Finanzminister der Eurozone, um Luis de Guindos nach dessen Ausscheiden Ende Mai zu folgen, wie Eurogruppen-Präsident Kyriakos Pierrakakis mitteilte. "Wir liegen im Zeitplan, damit Boris Vujcic sein Amt bei der EZB zum 1. Juni antreten kann", sagte Pierrakakis, der zugleich griechischer Finanzminister ist, in Brüssel.
Anhörung im Europaparlament steht noch aus
Zuvor muss sich Vujcic noch einer Anhörung im Europäischen Parlament stellen, außerdem wird der EZB-Rat konsultiert. Die endgültige Entscheidung liegt bei den Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union. In der Vergangenheit folgten diese stets dem Votum der Eurogruppe.
Die Personalie gilt als Durchbruch für Osteuropa. Trotz eines Anteils von inzwischen einem Drittel der 21 Euro-Länder war die Region bislang nie im EZB-Direktorium vertreten. Staaten aus diesem Teil der Union hatten zuletzt ihren bislang stärksten Vorstoß unternommen, erstmals einen Platz in der Führungsspitze der Notenbank zu erhalten.
Entscheidung gegen früheren Favoriten
Kandidaten aus Litauen, Estland, Portugal und Lettland schieden in frühen Abstimmungsrunden mangels Unterstützung aus. Vujcic setzte sich schließlich gegen den finnischen Zentralbankchef und früheren EU-Kommissar Olli Rehn durch, der zu Beginn des Auswahlverfahrens als Favorit gegolten hatte.
Ausschlaggebend war unter anderem die Unterstützung Deutschlands. Berlin habe Kroatiens Bewerbung unterstützt, um die Anstrengungen neuer Euro-Länder anzuerkennen und weil das Land für eine solide Geldpolitik stehe, sagte ein ranghoher Regierungsvertreter. Der Ausgang wich zugleich von den Präferenzen einiger EU-Abgeordneter ab. Diese hatten nach informellen Gesprächen den lettischen Notenbankchef Martins Kazaks sowie den früheren Gouverneur der portugiesischen Zentralbank, Mario Centeno, favorisiert.
Langjährige Erfahrung in der Geldpolitik
Vujcic ist seit 2012 Gouverneur der Kroatischen Nationalbank und hatte zuvor lange Zeit als Vizechef der Institution gearbeitet. Er war an den EU-Beitrittsverhandlungen seines Landes beteiligt und wurde 2023 Mitglied des EZB-Rats, als Kroatien den Euro einführte.
Innerhalb des 27-köpfigen EZB-Rats gilt er als einer der eher restriktiv ausgerichteten Vertreter. Zuletzt erklärte er, die Risiken für Inflation und Wachstum hielten sich die Waage, weshalb der nächste Zinsschritt in beide Richtungen gehen könne. Ein EZB-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab.
Rennen um EZB-Präsidentschaft bleibt offen
Die Ernennung Vujcics dürfte das Feld für die Nachfolge von EZB-Präsidentin Christine Lagarde weitgehend offenhalten, deren Amtszeit im Oktober 2027 endet. Wie bei der Zusammensetzung des Direktoriums insgesamt zielt auch die Auswahl der beiden Spitzenpositionen in der Regel auf ein Gleichgewicht zwischen großen und kleinen Ländern, Nord und Süd, geldpolitischen "Falken" und "Tauben" sowie – möglichst – zwischen Männern und Frauen.
Als aussichtsreiche Kandidaten für das Präsidentenamt gelten unter anderem Spaniens Pablo Hernandez de Cos, derzeit Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, sowie der frühere niederländische Zentralbankchef Klaas Knot. Auch Bundesbankpräsident Joachim Nagel und EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel haben Interesse signalisiert.
Wettbewerb unter mehreren Zentralbankchefs
Vujcic hatte sich gegen drei amtierende Zentralbankchefs durchgesetzt – Finnlands Rehn, Lettlands Kazaks und Madis Müller aus Estland – sowie gegen Portugals früheren Zentralbankchef und Ex-Finanzminister Mario Centeno und Litauens ehemaligen Finanzminister Rimantas Sadzius.
Nach Angaben mit der Entscheidung vertrauter Personen wurden die Bemühungen der baltischen Staaten durch die Tatsache geschwächt, dass jedes Land einen eigenen Kandidaten ins Rennen schickte.
Geldpolitik seit Juni unverändert
Die EZB hat ihre geldpolitischen Einstellungen seit Juni nicht verändert. An den Märkten wird derzeit nicht mit Zinssenkungen beim Einlagensatz in diesem Jahr gerechnet. Eine seit mehreren Monaten um zwei Prozent liegende Inflation sowie ein moderates Wirtschaftswachstum stützen diese Einschätzung.
Der Vizepräsident der EZB ist in der Regel für Fragen der Finanzstabilität zuständig und tritt gemeinsam mit dem Präsidenten bei Pressekonferenzen nach geldpolitischen Sitzungen auf. (mb/Bloomberg)















