Wifo-Chef Felbermayr: "Es geht nicht wirklich um den Iran"
Machtpolitik und das Recht des Stärkeren haben endgültig eine regelbasierte Wirtschaftspolitik abgelöst, in der sich alle als Gewinner betrachten konnten, sagt Wifo-Chef Gabriel Felbermayr. Der Angriff der USA auf den Iran sei ein weiterer Beweis dafür. Europa hat aber Trümpfe in der Hand.
Der militärische Schlag der USA und Israels gegen den Iran könnte Europa einige Punkte vom sich erholenden, aber schwachen Wirtschaftswachstum kosten, sagte Gabriel Felbermayr, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), am Mittwoch (4.3.) beim FONDS professionell KONGRESS in Wien. Dass das Thema die Branche bewegt, zeigte ein übervoller Vortragssaal. "Auch inhaltlich können wir aus dem Vollen schöpfen. Nur ob das so gut ist, weiß ich nicht", so Felbermayr, der seinen Vortrag den Auswirkungen der US-Machtpolitik unter Präsident Donald Trump widmete.
Ölmarkt und China
"Es geht nicht wirklich um den Iran, sondern – wie bei allem, was Trump umtreibt – um China. Es soll weniger Öl aus der Golfregion zu guten Konditionen für China zur Verfügung stehen", sagte Felbermayr. Das sei sicher nicht der einzige Grund für den Angriff, aber ein zentraler.
Über die Meeresstraße von Hormus, die aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen derzeit kaum passierbar ist beziehungsweise Transporte dort kaum noch versicherbar sind, werden rund 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs transportiert.
Ölpreis als Risiko für Europas Konjunktur
"Ein Prozent weniger Angebot am Markt bedeutet, dass die Ölpreise um fünf Prozent steigen", erklärte Felbermayr. Unter diesen Voraussetzungen könne sich der Erdölpreis sogar verdoppeln. Ein Kostenanstieg von zehn Dollar pro Fass könne die europäische Konjunktur rund 0,6 Prozentpunkte Wachstum kosten. Das sei allerdings ein "Worst-Case-Szenario". Entscheidend sei vor allem die Dauer des Konflikts.
Und hier dürfte auch in den USA ein Interesse an einer möglichst kurzen Interventionsdauer bestehen. Im November stehen in den Vereinigten Staaten die Midterm-Wahlen an. Steigende Spritpreise an der Tankstelle würden bei US-Wählern kaum auf Zustimmung stoßen.
Ende der regelbasierten Wirtschaftsordnung
Trump habe endgültig mit der lange vorherrschenden regelbasierten Wirtschaftspolitik gebrochen und setze stattdessen auf eine machtpolitische Logik und eine Großraumidee, wie sie auch China oder Russland verfolgen.
Zuvor galt laut Felbermayr: Handel ist ein Positivsummenspiel – der wirtschaftliche "Kuchen" wächst und auch kleinere Volkswirtschaften profitieren. Nun gelte das Recht des Stärkeren. "Die neue Logik lautet: Nur ein Land gewinnt. Relative Handelsvorteile bedeuten Machtgewinn. Es gibt keine regelbasierten Verhandlungen mehr, sondern machtbasierte. Das ist die Welt, in der wir jetzt bleiben werden."
Europas unterschätzter Einfluss
Europa, das weitgehend in der Rolle des Schwächeren ist – die Zölle wurden diktiert, nicht verhandelt –, sei dennoch nicht machtlos. "Neben den Waffen gibt es auch die Moneten", sagte Felbermayr und verwies auf den Deutsche-Bank-Analysten George Saravelos. Dieser hatte kürzlich darauf hingewiesen, welche Folgen es hätte, wenn Europa in größerem Umfang US-Vermögenswerte verkaufen würde. Anlass des Gedankenspiels waren die Territorialansprüche Trumps auf die zu Dänemark gehörende Insel Grönland.
Die Debatte darüber ließ die Zinsen amerikanischer Staatsanleihen sofort steigen; Trump trat in der Grönland-Diskussion leiser. Jeder zusätzliche Basispunkt bei den Zinsen habe angesichts der enormen Schuldenlast spürbare Auswirkungen auf den US-Staatshaushalt. Die hohe Auslandsverschuldung der Vereinigten Staaten sei daher ein bedeutender Hebel. "Europa hat doch einen gewissen Einfluss", so Felbermayr.
Neue Risiken durch den KI-Boom
Neben der öffentlichen Verschuldung sieht der Wifo-Chef eine weitere potenzielle Schwachstelle in der amerikanischen Wirtschaft. Um den KI-Boom zu finanzieren, nehmen große Technologiekonzerne gerade Fremdkapital in hohem Ausmaß auf.
"Das ist eine potenzielle Quelle für Fragilität", warnte Felbermayr. Neben der staatlichen Verschuldung könne damit auch die Unternehmensverschuldung in den USA zu einem zusätzlichen Risiko für die Finanzstabilität werden. (eml)















