Die Europäische Zentralbank (EZB) beobachtet nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran eng die Auswirkungen des Konflikts auf die Energiepreise. "Wir werden alles dafür tun, dass es nicht wieder zu einer Inflation kommt, aber auch dafür, dass wir nicht deutlich unter das Ziel von zwei Prozent fallen", betonte Martin Kocher, Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) und EZB-Ratsmitglied am Mittwoch (4.3.) bei der Eröffnung des FONDS professionell KONGRESSES in Wien.

"Können leicht senken oder erhöhen"
Seit Juni 2025 liegt der momentan für die EZB vorrangige Zins für die Einlagenfazilität bei zwei Prozent. Nach Einschätzung Kochers eine gute Position für flexibles Handeln: "Wir haben uns in den letzten Monaten sehr intensiv unterhalten, ob das die richtige Zinshöhe ist. Wir denken, dass das ein Niveau ist, das uns erlaubt, relativ rasch zu reagieren, sollte es nötig sein", so Kocher. "Wir können die Zinsen relativ leicht senken oder, wenn die Inflationsgefahr steigt, erhöhen", strich Kocher die Handlungsfähigkeit in beide Richtungen hervor.

Bis zur Sitzung im März werde die EZB die Situation genau beobachten. Vor zwei Wochen stellte sich unter Analysten eine leichte Tendenz ein, dass die EZB die Zinsen senken könnte. Das hat sich nun angesichts des Iran-Kriegs seit vergangenem Wochenende verändert. Der Konflikt führte zu einem raschen Anstieg der Öl- und Gaspreise, was in Europa die Angst vor Inflationsbewegungen befördert.

Prognosen müssen überdacht werden
Grundsätzlich ist laut Kocher aber immer auch die Deflation im Blick der EZB. Er verwies auf die schwer zu durchbrechende Abwärtspreisspirale, wenn die Konsumenten ihre Investitionen aufschieben, weil sie ständig auf günstigere Produkte hoffen.

Auch die Prognosen für das Wirtschaftswachstum in Europa müssen wegen des Iran-Krieges neu evaluiert werden. Vor Beginn des Konflikts waren Ökonomen für 2026 von einem geringen Euroraum-Wachstum von rund 1,2 Prozent ausgegangen, bei einer Inflation von 1,9 Prozent.

"Wachstum sinkt langfristig" – "Werden nicht ärmer"
Langfristig müsse sich Europa – genauso wie andere Industrienationen – generell wegen der Bevölkerungsalterung auf ein geringeres Wirtschaftswachstum einstellen. Wenn die Erwerbsbevölkerung sinkt, geht auch das Wachstum zurück. In Italien etwa werde in den kommenden 30 Jahren die Zahl der Erwerbstätigen um rund ein Drittel schrumpfen. "Das heißt nicht, dass wir ärmer werden", so Kocher. Technologischer Fortschritt und Kapitalakkumulation sind ebenso Faktoren, die zum Wohlstand beitragen.

Nötig für langfristig mehr Wachstum sei auch, dass die Spar- und Investitionsunion der EU vorankommt. "Wir haben im Vergleich zu Märkten wie den USA, Großbritannien oder asiatischen Ländern strukturelle Nachteile", so Kocher. An US-Börsen liege die Marktkapitalisierung bei 60 Billionen Dollar, in Europa nur bei zwölf Billionen. In den USA gibt es zwei Börsen, in der EU 314 Handelsplätze. "Wir haben eine sehr starke Fragmentierung. Wir müssen es schaffen, den Kapitalmarkt mehr zu vereinheitlichen", so Kocher.

"Brauchen rascheres Wachstum für Unternehmen"
Die durchschnittliche Fondsgröße liegt in den USA mit 2,3 Milliarden Dollar ebenfalls um ein Vielfaches über den 313 Millionen in der EU. "Die große Schwäche in Europa ist, dass Unternehmen nicht so schnell wachsen können wie in den USA oder anderswo, weil sie weniger leicht an Kapital kommen. Wir haben fast die gleiche Anzahl an Patenten wie in den USA, in manchen Bereichen wie Umwelttechnik sogar mehr“, so Kocher. Es brauche bessere Voraussetzungen für Wachstum.

Die Lösung für wirtschaftlichen Erfolg könne nicht in Kostensenkungen liegen. "Europa wird immer ein Standort mit hohen Kosten und hoher Lebensqualität sein. Das heißt, die Lösung muss sein, dass wir rasch wachsende Unternehmen haben. Das ist uns in den letzten 30 Jahren nicht gelungen. Ziel ist es, bei der nächsten technologischen Entwicklung, bei KI und Quantentechnologie, vorne mit dabei zu sein", so Kocher.

Man müsse sich bewusst sein, dass Banken allein großes Wachstum, wie man es in den USA und anderen Märkten sieht, nicht finanzieren können. Das gelte auch für Infrastruktur und Umwelttechnologien, die nicht von der öffentlichen Hand allein finanziert werden können. Es brauche mehr privates Kapital.

28. Regime
Wichtig sei in dem Zusammenhang auch der noch wenig bekannte EU-Plan "28. Regime". Da es sehr schwer ist, das Steuerrecht oder andere Rechtsrahmen zu vereinheitlichen, verfolgt die Kommission die Idee, ein Recht einzuführen, das eine einheitliche Regel vorgibt, egal wo in Europa man tätig ist. "Wer rasch in Europa wachsen möchte, für den kann das 28. Regime gelten, für die anderen das nationale Recht", so Kocher. (eml)