Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) wird im öffentlichen Diskurs häufig als "Enteignung der Sparer" gegeißelt. Ewald Nowotny, österreichischer Nationalbankgouverneur im Ruhestand, relativiert die aktuelle Situation bei den Sparzinsen: Auch in der Vergangenheit habe es eine negative Realverzinsung gegeben, den Betroffenen sei es bloß nicht immer bewusst gewesen, so Nowotny diese Woche bei einer Veranstaltung des Finanz-Marketing Verband Österreich (FMVÖ). "Mein Vater ist in den 70er Jahren stolz von der Bank zurückgekommen, weil er die Sparzinsen von drei auf fünf Prozent ausverhandelt hatte. Allerdings lag die Inflation damals bei acht oder neun Prozent", schilderte Nowotny.

Das Problem ist die Deflation
Es warnte davor, einer "Nominal-Illusion" zu unterliegen. "Es ist richtig, dass es keinen Ertrag bei Spareinlagen gibt, aber der große Geldvernichter war immer die Inflation, und das haben wir im Moment nicht", so Nowotny. Die Niedrigzinspolitik diene dazu, die Inflation anzukurbeln. Die Gefahr liege derzeit in einer Deflation.

Auch für die Banken, die sich oft darüber beschweren, hat die Niedrigzinspolitik nicht nur negative Effekte, so Nowotny. So habe etwa der gesunkene Abschreibungsbedarf deutlich positive Auswirkungen. "Die österreichischen Institute sind sehr ertragreich, weil der Wertberichtigungsbedarf gesunken ist. Die steigende Kreditqualität hatte einen gewaltigen Effekt auf die Gewinnentwicklung der Banken", betonte der ehemalige OeNB-Chef.

Cybergeld als kritische Frage
Apropos Banken. Diese müssen sich auch angesichts der digitalen Entwicklungen gewisse Existenzfragen stellen. Cybergeld sei eine große Herausforderung, so Nowotny. Derzeit werden die Bürger von der EZB mit Bargeld versorgt und die Banken mit Giralgeld. Würde sich die EZB im Bereich Cybergeld engagieren, hätten plötzlich die Bürger die Möglichkeit direkt bei der EZB ein Konto zu haben und die Banken zu umgehen, erklärt der Experte.

Eine große politische Fragestellung sei es auch, dass alle Zahlungsdienste über nichteuropäische Zahlungsdienstleister erfolgen. "Wir haben ein gesamteuropäisches Interesse daran, einen europäischen Anbieter zu haben", betonte Nowotny, und die EZB habe sich auch darum bemüht. Allerdings sei die Stimmung nicht sehr optimistisch. (eml)