Zum ersten Mal seit Jahren planen die großen Notenbanken, die Leitzinsen anzuheben. Finanzexperten sehen in der Wende ein großes Risiko für den Anleihemarkt, berichtet das "Handelsblatt". Thomas Mayer, Leiter des Flossbach von Storch Research Institute, befürchtet, dass sich Anleihebesitzer auf Verluste im Wert von mehreren Billionen US-Dollar einstellen müssen. "Eine Zinserhöhung von einem Prozentpunkt würde den Marktwert um acht Prozent oder knapp zehn Billionen Dollar verringern", schätzt der Finanzprofi. Die britische Notenbank hatte zuletzt bereits zweimal hintereinander die Zinsen erhöht, die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) könnte diesen Monat nachziehen.  

Schon zuletzt waren die Renditen von Anleihen deutlich gestiegen. Grund ist die Teuerung in der EU: Die Inflationsrate liegt aktuell bei fast sechs Prozent. Die Erwartung einer Zinswende befeuert das Wachstum der Renditen nun zusätzlich, weil Inhaber "alter" Schulpapiere diese reihum abstoßen und so darauf setzen, bald bessere Konditionen bei frisch begebenen Bonds zugebilligt zu bekommen. Das Problem: In den vergangenen Jahrzehnten haben die niedrigen Erträge risikoloser Bonds Anleger in riskantere Papiere getrieben. "Anleger wählten schlechtere Bonitäten und Titel mit längeren Laufzeiten", bestätigt Sven Langenhan, Bondexperte bei Flossbach von Storch dem "Handelsblatt". Es sind genau jene Anleihen, deren Kurse simultan zu den anziehenden Renditen derzeit stark absacken. Die 100-jährige Österreich-Anleihe etwa verlor allein seit Dezember ein Viertel an Wert. 

Anleihen unter Generalverdacht 
Viele Experten stellen Anleihen als aussichtsreiche Anlageklasse mittlerweile grundsätzlich in Frage. Während risikolose Staatstitel auf dem aktuellen Renditeniveau keine nennenswerten Gewinne einfahren, sollten sie doch wenigstens als sichere Beimischung im Portfolio dienen. Selbst das ist nicht mehr der Fall, wie Martin Lück, Finanzstratege beim Vermögensverwalter Blackrock, gegenüber dem "Handelsblatt" bemängelt. "Anleihen waren der klassische sichere Teil des Depots, das hat sich auf ziemlich drastische Weise geändert." Auch für Taunus-Fondsmanager Peter Huber sind Bondsbesitzer aktuell die größten Verlierer am Kapitalmarkt. Er erwartet, dass es in naher Zukunft "zu massiven Umschichtungen aus Anleihen in Aktien" kommen wird. (fp)