Seit jeher versetzt der Gedanke an Negativzinsen vor allem die Deutschen in Angst und Schrecken. Langsam zeichnen sich tatsächlich die ersten negativen Nebenwirkungen ab. Der Druck auf die Versicherer nimmt zu und hat sich in der vergangenen Woche in einem negativen Ausblick der Ratingagentur Moody’s für die gesamte europäische Versicherungsbranche manifestiert. Auch der Bankensektor leidet: "Die Banken haben schwer mit der flachen Zinskurve zu kämpfen", sagt Olivier de Berranger, Chefanlagestratege bei La Financière de L’Echiquier (LFDE).

Gleichwohl: In der Diskussion um Negativzinsen allein die Nebenwirkungen hervorzuheben und dabei die Heilwirkung zu verschweigen, hält der LFDE-Experte für falsch. "Derart niedrige Zinssätze kommen unmittelbar allen Akteuren zugute, die bereit sind, Schulden zu machen: Staaten, Haushalten und Unternehmen", erklärt Berranger.

Vorsicht vor Überdosis
Staaten können durch die Negativzinsen ihre Schuldenlast verringern und sich einfacher und günstiger refinanzieren. Haushalte erhalten dank der Minuszinsen günstigere Kredite für Immobilien oder Konsumgüter. Unternehmen wiederum können durch die niedrigen Zinssätze und die engen Spreads Investitionsvorhaben umsetzen, die sich bei einem höheren Zinsniveau nicht rentieren würden.

"Das Ziel der Europäischen Zentralbank besteht letztlich darin, die einzelnen Wirtschaftsakteure dazu zu veranlassen, höhere Risiken einzugehen und so eine alles erstickende Deflation zu vermeiden", analysiert Berranger. Gleichzeitig gilt jedoch auch: Negativzinsen sind kein Allheilmittel, sondern nur ein wirksames Medikament, um einen stabilen Zustand zu erreichen. "Von einer Überdosis ist dringend abzuraten." (fp)