An der Wall Street setzen wachsende Sorgen über künstliche Intelligenz (KI) die Aktien von Unternehmen unter Druck, die auf der falschen Seite des technologischen Wandels stehen könnten – von kleinen Softwareanbietern bis hin zu großen Vermögensverwaltern.

Der jüngste Ausverkauf begann am Dienstag (10.2.), als ein neues Steuer-Tool des wenig bekannten Start-ups Altruist die Kurse von Charles Schwab, Raymond James Financial und LPL Financial um jeweils mehr als sieben Prozent nach unten schickte.

"Wahlloser" Verkauf
Es war für einige dieser Werte der stärkste Rückgang seit dem Einbruch während des Handelskonflikts im April 2025. Zugleich zeigt sich eine "Erst verkaufen, dann fragen"-Mentalität, die sich angesichts neuer KI-Produkte rasant ausbreitet. Hunderte Milliarden Dollar fließen in die Technologie – und schüren die Angst, ganze Branchen könnten umgekrempelt werden.

"Jedes Unternehmen mit potenziellem Disruptionsrisiko wird derzeit wahllos verkauft", sagte John Belton, Fondsmanager bei Gabelli Funds.

Vom KI-Hype zur Flucht vor Risiken
KI stand in den vergangenen Jahren im Zentrum der Wall Street, Tech-Aktien führten die Rally an. Während die Kurse Rekordstände erreichten, blieb die Frage: Blase oder Produktivitätsschub?

Doch seit Anfang vergangener Woche sorgte eine Reihe neuer KI-Anwendungen für einen Stimmungsumschwung. Anleger suchen weniger nach Gewinnern, sondern versuchen, nicht in Unternehmen investiert zu sein, die verdrängt werden könnten.

"Ich habe keine Ahnung, was als Nächstes kommt", sagte Will Rhind, CEO von Graniteshares Advisors. "Letztes Jahr hieß es: Wir glauben an KI, aber suchen nach dem Anwendungsfall", sagte er. "Jetzt entdecken wir immer stärkere Use Cases – und das führt zu Disruption."

Neue Tools treffen Finanz- und Versicherungsbranche
Die Softwarebranche wird schon länger von KI-Sorgen begleitet. Vergangene Woche griffen sie stärker auf andere Sektoren über, als neue Anwendungen von Anthropic einen massiven Ausverkauf bei Aktien aus den Bereichen Software, Finanzdienstleistungen und Vermögensverwaltung auslösten.

Am Montag (9.2.) traf es US-Versicherungsbroker, nachdem Insurify eine Anwendung vorgestellt hatte, die mit ChatGPT Autoversicherungstarife vergleicht. Tags darauf gerieten Vermögensverwalter ins Visier: Altruists Produkt "Hazel" hilft Beratern, Strategien für Kunden zu personalisieren.

Altruist-CEO Jason Wenk zeigte sich selbst überrascht vom Ausmaß der Marktreaktion, die Milliarden an Börsenwert vernichtete. Es sende jedoch ein klares Signal über die Wettbewerbsbedrohung. "Den Menschen wird klar: Diese Architektur kann jeden Job im Wealth Management ersetzen", sagte er. Tätigkeiten ganzer Teams könnten "effektiv für 100 Dollar im Monat" von KI erledigt werden.

Skepsis bleibt – Disruption braucht Zeit
KI-Firmen wie OpenAI und Anthropic dringen bereits in die Softwareentwicklung vor und weiten ihre Angebote auf andere Branchen aus. Dennoch bleibt offen, wie schnell die Technologie tatsächlich übernommen wird. Auch Banken haben in der Vergangenheit Herausforderungen durch neue Technologien überstanden.

Belton zählt zu den Skeptikern, dass die Wall Street nun von Blasenangst zu Disruptionspanik gewechselt ist. "Es wird Gewinner und Verlierer geben", sagte er. Doch technologische Umbrüche dauerten oft länger als erwartet.

"Wir wissen noch nicht, wie die Welt in fünf Jahren aussieht"
Die Rückschläge spiegeln zudem die Nervosität wider, weil Aktien nach der KI-getriebenen Rally hoch bewertet sind. "Schon ein Hauch negativer Wahrnehmung reicht – und die Aktie fällt zehn Prozent", sagte Rhind. 

Ross Gerber, CEO von Gerber Kawasaki, hält die Angst vor KI-Verlierern für verfrüht: "Wir wissen noch nicht, wie die Welt in fünf Jahren aussieht. Die Märkte versuchen das zu bewerten, obwohl wir erst am Anfang stehen." (mb/Bloomberg)