Ihr Arm denkt mit: Wie KI das Leben von Sarah de Lagarde veränderte
Sie verlor in der Londoner U-Bahn Arm und Bein – und kämpfte sich zurück ins Leben: Janus-Henderson-Strategin Sarah de Lagarde zeigte beim FONDS professionell KONGRESS in Wien, wie Prothesen und KI Mobilität ermöglichen und warum sie ihre Behinderung heute als "Superpower" sieht.
Sarah de Lagarde hat beim FONDS professionell KONGRESS in Wien eine Geschichte erzählt, die im Saal für spürbare Betroffenheit sorgte – und am Ende für Applaus. "Ich bin 80 Prozent Mensch und 20 Prozent bionisch", eröffnete de Lagarde, Brighter Future Strategist von Janus Henderson Investors, ihren Vortrag. Sie trägt ein Prothesenbein und einen bionischen Arm, der mithilfe künstlicher Intelligenz gesteuert wird. Dass sie heute so auftritt, sei nicht "angeboren": 44 Jahre habe sie ohne Behinderung gelebt, "bis das Unglück zuschlug und mich über Nacht dauerhaft behindert hat".
Vom Gipfelglück zum schlimmsten Tag ihres Lebens
Der Beginn der Geschichte liegt im August 2022. De Lagarde erfüllte sich mit ihrem Mann einen Traum und bestieg den Kilimandscharo. Knapp 6.000 Meter Höhe, wenig Sauerstoff – "wie ein Marathon mit nur einer Lunge", beschrieb sie das Gefühl. Am 16. August 2022 erreichten beide den Gipfel. "Wahrscheinlich der längste Tag meines Lebens", sagte sie – damals. Denn nur einen Monat später sollte der tatsächlich längste Tag folgen.
Zurück in London, auf dem Heimweg von der Arbeit, entschied sie sich spontan gegen ein Taxi und für die U-Bahn. Es regnete, der Bahnsteig war nass. De Lagarde rutschte aus, stürzte zwischen Bahnsteig und einen stehenden Zug. "Niemand sah mich. Niemand hörte meine Hilferufe." Der Zug fuhr ab und zerquetschte ihren rechten Arm oberhalb des Ellenbogens. Sie blieb bei Bewusstsein, wusste aber: "Mein Leben ist in Gefahr."
Während sie auf den Gleisen lag und sich nicht bewegen konnte, fuhr ein zweiter Zug in die Station ein. Obwohl sie auffällig gekleidet war, wurde sie erneut nicht gesehen. Der zweite Zug zerquetschte ihr rechtes Bein unterhalb des Knies. Dass sie dabei nicht das Bewusstsein verlor, erklärte sie mit dem Ausnahmezustand des Körpers: "Das Gehirn schaltet die Schmerzrezeptoren aus. Adrenalin übernimmt."
Entscheidend sei in diesem Moment ein inneres Bild gewesen: Sie sah die Gesichter ihrer beiden Töchter, damals acht und zwölf Jahre alt. "Mami, gib nicht auf. Wir brauchen dich. Bitte komm heim." Diese Stimmen hätten verhindert, dass sie "aufgibt". Sie rief weiter um Hilfe – bis schließlich jemand reagierte. Rund 45 Minuten später wurde sie per Hubschrauber ins Royal London Hospital gebracht.
Ein neues Leben mit Prothesen
Der Weg zurück sei "sehr schwierig und herzzerreißend" gewesen. Nach drei Wochen auf der Traumastation und sechs Wochen Reha machte sie die ersten Schritte mit ihrem ersten Prothesenbein – ein Moment, den sie als "intensiven Sieg" bezeichnete. Gleichzeitig begriff sie: Sie würde dauerhaft auf medizinische Hilfsmittel angewiesen sein, um mobil zu bleiben.
Dabei lernte sie eine Branche kennen, von der sie zuvor kaum etwas wusste. Prothesen seien längst keine Holzbeine mehr, sondern Hightech aus Titan und Kunststoff. Besonders faszinierte sie ihr bionischer Arm – und wie viele Unternehmen an so einem System beteiligt sind: von Komponentenherstellern bis zu Versorgern wie Prothetik-Weltmarktführer Ottobock, außerdem Apps zur Steuerung per Smartphone.
KI im Arm: von Mustererkennung zu "generativ"
Künstliche Intelligenz, sagte de Lagarde, werde oft mit Skepsis betrachtet – zu Recht, weil sie "extrem mächtig" sei und in falschen Händen schaden könne. In ihrem Alltag erlebe sie aber eine sehr konkrete, hilfreiche Seite. In der Prothese nehmen Elektroden Signale an der Haut auf, wandeln sie in elektrische Impulse und schließlich in Bewegungen der Hand um. Mit jeder Nutzung entstehen Daten, die auf Servern gesammelt und von einem Algorithmus ausgewertet werden.
Am Anfang sei das Bedienen gewesen "wie Autofahren beim ersten Mal": volle Konzentration, keine Ablenkung. Doch mit der Zeit lernte die KI ihre Muster, wechselte von reiner Erkennung zu einer Art Vorhersage: "Was will Sarah als Nächstes tun?" Statt eine ganze Bewegung auszuführen, reiche oft ein kleiner Impuls. So sank die Reaktionszeit deutlich: Früher habe eine Geste rund zehn Sekunden gedauert – "eine lange Zeit, wenn dein Kind dir einen Ball zuwirft und du ihn nicht fangen kannst". Heute sei es "fast augenblicklich".
Wo das System versagt – und wo Chancen liegen
De Lagarde sprach auch über Schattenseiten. Als "lebenslange Patientin" habe sie Ungleichheiten im Gesundheitssystem erlebt – besonders bei Produkten für Frauen. Ein Beispiel: Sie wollte eine robuste, wasserdichte bionische Hand. Das britische System stellte ihr zwar ein Modell zur Verfügung – allerdings "in Männergröße", doppelt so groß wie ihre Hand. Die passende kleinere Version sei vorhanden, werde aber nicht finanziert. Privat hätte sie rund 60.000 Pfund gekostet.
Trotzdem kehrte sie vier Monate nach dem Unfall an den Arbeitsplatz zurück – auch dank großer Unterstützung. Kollegen sammelten über eine Spendenaktion Geld, damit sie die private Versorgung ihres bionischen Arms finanzieren konnte. Sie verhandelte zudem ihre Rolle neu und betonte, wie entscheidend ein unterstützendes Umfeld sei.
Technologie sei für sie mittlerweile Alltagshilfe – von Home-Automation bis zu Assistenzfunktionen auf Geräten. Sie lobte auch das Prinzip, Produkte "mit Behinderung zuerst" zu denken, weil es am Ende allen nütze. Selbstfahrende Autos wären für sie "Freiheit", weil sie aktuell nicht fahren kann.
Gleichzeitig stellte sie die Frage, warum ihr Unfall überhaupt unbemerkt bleiben konnte. Es gebe KI-Systeme, die Stürze in Stationen erkennen und Alarm auslösen. Ein Anbieter habe solche Technik angeboten – die Antwort sei gewesen: "Wir brauchen das nicht." Sie fand später heraus, dass solche Vorfälle häufiger sind als gedacht: 162 Mal pro Monat.
Die "zweite Bergbesteigung" als Sinnsuche
Zum Schluss wurde der Vortrag persönlich und motivierend. De Lagarde sprach über Dankbarkeit, Ziele, Unterstützung – und Purpose. Nach dem ersten "Berg" im Leben komme oft das "Summit Syndrome", ein Gefühl der Leere. Der "zweite Berg" sei dann nicht mehr nur für einen selbst, sondern für andere. Diese Idee wurde für sie wörtlich: Im August 2024 bestieg sie den Kilimandscharo erneut – diesmal mit zwei Prothesen, begleitet von Familie und Ärzten. Dabei sammelte sie Spenden für Menschen in Afrika, die keinen Zugang zu Prothesen haben. Am 16. August 2024 wurde sie nach eigenen Angaben zur ersten Frau, die den Kilimandscharo innerhalb von zwei Jahren einmal ohne und einmal mit zwei Prothesen bestieg.
"Unsere Körper sind unglaublich stark", sagte sie zum Abschluss ihres Vortrags. Ebenso wichtig sei jedoch die mentale Stärke – und Menschen, die einen unterstützen. Ihre wichtigste Botschaft: Jeder Mensch sollte seinen eigenen Sinn finden. "Ich habe meinen Sinn gefunden – und ich ermutige Sie, Ihren zu finden." (mb)




Vortrag am FONDS professionell KONGRESS











