Gunther Schnabl, Berater des Flossbach von Storch Research Institutes, hat ein Konzept entwickelt, wie sich die Welt aus ihrem Dilemma mit Null- und Negativzinsen befreien könnte. Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Instituts, hält die Idee seines Wissenschaftskollegen zwar für gut, glaubt aber nicht, dass dieser Ausweg realistisch ist. Er rechnet vielmehr mit einem harten Systemwechsel – ausgelöst durch die nächste Finanzkrise.

Einig sind sich die beiden Volkswirte darin, dass es die Zentralbanken waren, die den Zins "umgebracht" haben, so das Ergebnis einer Studie, die Mayer und Schnabl am Mittwoch (30. Oktober) auf einer Pressekonferenz in Frankfurt vorstellten. Anlass war die Eröffnung der Frankfurter Repräsentanz des Kölner Vermögensverwalters Flossbach von Storch, der Räume im neuen Marienforum im Bankenviertel der Stadt bezogen hat (FONDS professionell ONLINE berichtete auf seinem Portal in Deutschland).

"Nur das Ende der Zinsmanipulation kann das Wachstum wiederbeleben"
Anhänger der keynesianischen und neoklassischen Theorie führen die niedrigen Zinssätze gerne auf die alternde Gesellschaft zurück: Die Menschen würden mehr Geld für die Zukunft zurücklegen, das führe zu einer "Sparschwemme" und drücke den Zins. Um den Rückgang des Wirtschaftswachstums zu erklären, haben sie das Konzept der "säkularen Stagnation" entworfen. Von diesen Erklärungen halten Mayer und Schnabl wenig. Ihnen zufolge ist die Stagnation nicht von der Geschichte vorgegeben, sondern von der Wirtschafts- und Zinspolitik vorgegeben. Weil der Zins seine Allokations- und Signalfunktion verloren habe, sei es zum massiven Schuldenanstieg und einer "Zombifizierung" der Unternehmenslandschaft gekommen. "Nur das Ende der Zinsmanipulation durch die Zentralbanken kann das Wachstum wiederbeleben", sind sie überzeugt. (Die vollständige Studie steht hier zum Download bereit.)

Interessanter als die Analyse, wie die Magerzinsen entstanden sind, ist allerdings die Frage, wie sich dieses Dilemma lösen lässt. Viele Staaten, Unternehmen und Privatleute sind bekanntlich auf niedrige Zinsen angewiesen – bei höheren Sätzen könnten sie ihre Schulden nicht mehr bedienen. Sprunghafte Leitzinserhöhungen gelten daher als undenkbar.

"Langfristig böte sich allen wieder eine positive Perspektive"
Schnabl, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspolitik und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Leipzig und seit April "Senior Fellow" des Flossbach von Storch Research Institutes, hat einen anderen Ausweg erdacht: Die Zinsen müssten ganz langsam und international koordiniert über die nächsten zehn bis 20 Jahre auf einem vorgegebenen Pfad steigen – beispielsweise um 0,25 Prozentpunkte im Jahr. "Kurzfristig würde das eine Krise auslösen, doch langfristig böte sich allen wieder eine positive Perspektive", so Schnabl. "Die Hürde, über die alle springen müssen, würde Jahr für Jahr ein Stück höher gelegt. Das kurbelt die Produktivität an und führt zu steigendem Wirtschaftswachstum."

Mayer meint, dass dieser Pfad wahrscheinlich tatsächlich der einzige Weg sei, wie sich die Ära der Nullzinsen beenden ließe. Er hält Schnabls Konzept allerdings für unrealistisch und politisch nicht durchsetzbar. Sein Szenario ist düsterer: "Die nächste Rezession wird eine größere Finanzkrise auslösen, und dann stellt sich nicht die Frage nach einem graduellen Ausstieg, sondern nach einem Systemwechsel."

"Die Krise gebiert den Systemwechsel"
Ein kompletter Systemwechsel – Mayer plädiert für ein "digitales Vollgeld" – scheine vielen Menschen unvorstellbar. "Doch wir dürfen nicht vergessen, dass unser aktuelles Geldsystem 1971 ebenfalls in einer Nacht-und-Nebel-Aktion geschaffen wurde", so Mayer. Er spielt damit auf die Entscheidung des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon an, der die Goldbindung des US-Dollar aufhob und damit das Bretton-Woods-System beendete.

"Die Krise gebiert den Systemwechsel", ist Mayer überzeugt. Eine Prognose, wann diese Krise bevorstehe, wollte der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank allerdings nicht wagen. Vielleicht erlebt er sie noch von seinem neuen Eckbüro in der Frankfurter Flossbach-Niederlassung aus mit: Jüngst verlängerte der 65-Jährige seinen Vertrag mit dem Vermögensverwalter. (bm)