Es mutet schon seltsam an: Während Konjunkturindizes wie der ZEW-Index oder der ifo-Index so tief notieren wie seit der Eurokrise 2011/12 nicht mehr, entwickelt sich der Dax dieses Jahr zur Verblüffung vieler Marktteilnehmer stetig nach oben. "Die Börse meint, dass der Ifo-Index bereits so niedrig ist, dass die Lage nur mehr besser werden könne", begründete Ulrich Kaffarnik die extreme Lücke zwischen Aktienmarkt- und Konjunkturstimmung anlässlich seines Kapitalmarktausblicks, den er auf der Veranstaltungsreihe "Fondsgipfel" vor professionellen Marktteilnehmern in Wien hielt. Er fügte an: "Die Börse fungiert in diesem Fall als Vorlaufindikator für die Konjunktur."

China kann sich viele Freiheiten erlauben
Dennoch: Deutschland mit seinem zur Hälfte vom Export abhängigen Wirtschaftsmodell müsse auf ein höheres BIP-Wachstum in China und den USA hoffen. Dabei geht der Blick dieser Tage immer wieder nach Hongkong, wo Demonstranten gegen das kommunistische Regime aufbegehren und vielfach ein Einmarsch sowie die Niederschlagung der Proteste seitens des chinesischen Militärs befürchtet werden. Dies könnte die Beziehungen Chinas zum Westen belasten und damit die konjunkturelle Erholung gefährden.

Kaffarnik sieht diesbezüglich kaum Risiken: Selbst wenn China in Hongkong einmarschieren sollte, würde der Westen nur mit ein paar diplomatischen Protestnoten und nicht mit harten Sanktionen reagieren. Denn China könne sich aufgrund seiner großen wirtschaftlichen Macht inzwischen sehr viel auf der weltpolitischen Bühne leisten.

Überraschungshausse
Wichtiger sei die Entwicklung der Zinsen. Niedrigere Zinsen – so gab es 2019 weltweit allein 58 Leitzinssenkungen –  in Verbindung mit einer üppigen Geldversorgung durch die Zentralbanken sei aktuell einer der wesentlichen Treiber für die Aktienmärkte. Der zweite: Der große Pessimismus unter den Marktteilnehmern und die damit einhergehenden, niedrigen Investitionsquoten. "Die Rally hat viele auf dem falschen Fuß erwischt“, erklärte Kaffarnik und erinnerte an die diesjährigen Diskussionen um die inverse US-Zinsstrukturkurve, die zuletzt verstummten.

Problematisch könnte hingegen sein, dass mittlerweile 84 Prozent der Marktteilnehmer weitere Zinssenkungen seitens der Fed erwarten. Zur Erinnerung: Vor gut einem Jahr war dies spiegelverkehrt und der Markt erwartete Zinserhöhungen. Da aber die Kerninflationsrate in den USA bei zuletzt 2,4 Prozent lag, könnte sich die Fed bei Zinssenkungen zieren. Zurückhalten sollten sich laut dem DJE-Vorstand Investoren auch bei Euroland-Renten, die zu niedrig verzinst seien. Potenzial sieht Kaffarnik bei italienischen Anleihen, deren Kurse aufgrund zurückgehender Risikoprämien steigen sollten. "Wenn man etwas kaufen kann, dann bestenfalls Italien."

Überdurchschnittliches Kurspotenzial sieht Kaffarnik auch bei Value-Aktien, die seit Jahren Wachstumswerten bei der Kursentwicklung hinterherhinken. So würden Growth-Aktien aus den USA ein Kurs/Buchwert-Verhältnis von über sechs ausweisen, während Value-Aktien aus der EAFE-Region (Europa, Australasien und Ferner Osten) ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von knapp über eins haben.

Aktien sind "alternativlos"
Laut Kaffarnik würden immer mehr deutsche Investoren, sowohl Privatanleger als auch institutionelle, realisieren, dass sie bei Renten keine Zinsen mehr erwarten können. Anleger würden im Austausch für die hohen Dividendenrenditen die damit einhergehenden höheren Aktienkursschwankungen nunmehr williger akzeptieren und darüber hinaus bei Kursrückgängen zukünftig nicht mehr vorschnell verkaufen. "Volatilität gehört zu den Märkten wie Ampeln zu einer Großstadt!“. Kurzfristig ist der Aktienmarkt Kaffarniks Ansicht nach etwas heiß gelaufen, allfällige Korrekturen in den kommenden Tagen und Wochen sollten Anleger jedoch als gute Einstiegsgelegenheiten wahrnehmen. (aa)