FONDS professionell Österreich, Ausgabe 2/2019

4 www.fondsprofessionell.at | 2/2019 brief der herausgeber D as Problem an gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen „Revolutionen“ besteht für Zeitgenossen darin, dass sie diese nicht wahrnehmen können. Im Rückblick scheinen die Ent- wicklungen dann logisch und alternative Entwicklungen gar nicht vorstellbar. Dieser Eindruck täuscht aber. Es handelt sich um einen Wahrnehmungsfehler, den die Kognitionspsychologen „Hindsight Bias“ (Rückschaufehler) nennen. Aus diesem Grund kann es jederzeit sein, dass wir uns in einer Phase tiefgehender Veränderungen befin- den, ohne das wahrzunehmen. Es könnte also sein, dass wir uns im Bereich „Geld- und Wirt- schaftspolitik“ mitten in solch einer Entwicklung befinden. Wer vor zwei oder drei Jahrzehnten volkswirtschaftliche Lehrbücher las, erfuhr darin, dass die zentrale Aufgabe von Notenbanken darin besteht, Preisstabilität zu gewährleisten. Das wichtigste Instrument dafür war die Steuerung der Geldmenge, was – kurz gefasst – mithilfe einiger Zinssätze getan wurde. Die Finanzierung von Staatshaushalten be- ziehungsweise Regierungen per Notenpresse galt hingegen als Tabu, weil es nur zu Hyperinflation führen könne. Seit etwa einem Jahr- zehnt scheint diese Beschreibung nicht mehr zutreffend zu sein. Die Notenbanken haben als Reaktion auf die Krise die Zinsen in den Bereich um null gesenkt, Inflation gibt es nach wie vor wenig. Und wir kommen aus dieser Situation allem Anschein nach auch nicht mehr heraus. Noch um die Jahreswende gingen Beobachter davon aus, dass die USA dank einer robusten Konjunktur in der Lage sein sollten, eine Normalisierung der Zinsen anzupeilen, wenige Monate später ist davon keine Rede mehr. Stattdessen wird eine Geldtheorie diskutiert, die im Gegensatz zu dem steht, was man lange Zeit als richtig erachtete. Die Modern Monetary Theory (MMT) legt die Auf- gabe der Geldpolitik in die Hände der Regierungen, und die sollen die Wirtschaft einfach dadurch in Schwung bringen und halten, dass sie Geld drucken und in die Realwirtschaft investieren. Die Zinsen bleiben in diesem Modell bei null, und die Gefahr eines Staatsbank- rotts wird negiert, weil ein Staat mit eigener Währung immer neues Geld drucken könne. Im ersten Augenblick klingt die Idee nach Per- petuum mobile. Wenn am Gesetz von Angebot und Nachfrage irgendetwas dran ist, muss der Wert des Geldes dabei unweigerlich sinken und der Preis von Waren und Leistungen steigen, es muss zu Inflation und zu Hyperinflation kommen. Aber stimmt das wirklich? Wichtigster Vordenker der Theorie ist der frühere Hedgefonds- manager und Luxusautohersteller Warren Mosler. Es waren zuletzt aber vor allem US-amerikanische Politiker aus dem demokratischen Lager, die die Modern Monetary Theory in den Blickpunkt der Öf- fentlichkeit rückten, weil sie diese für umsetzbar halten. Dass Politiker auf der Jagd nach Wählerstimmen solche Idee propagieren, könnte man als Populismus abtun. Verblüffend ist daher, dass es auch Befür- worter gibt, von denen man dies nicht erwarten würde. Der promi- nenteste von ihnen ist Ray Dalio. Der Gründer der größten Hedge- fondsgesellschaft der Welt publizierte Anfang Mai einen Text, in dem er die Ansicht vertritt, dass die Ideen der MMT nicht nur umsetzbar sind, sondern dass dieser Ansatz sogar der einzige ist, mit dem sich die Wirtschaft im nächsten Abschwung überhaupt noch ankurbeln lässt. Der Bridgewater-Gründer glaubt auch, dass sich mithilfe der MMT der Effekt des wachsenden Vermögensungleichgewichts zwi- schen Arm und Reich reduzieren lässt, während dieser bisher durch die Geldpolitik verstärkt wird. Dalio gibt kein Werturteil zu dem Kon- zept ab, er sieht auch, dass damit Gefahren verbunden sind. Trotzdem werde es passieren, weil es einfach keine Alternativen dazu gebe. Das zentrale Argument der Gegner des Konzepts ist die Inflations- gefahr. Und die Liste der Gegenstimmen ist lang und ernst zu neh- men. Leute wie der US-Notenbankchef Jerome Powell, die Nobel- preisträger Paul Krugman, Josef Stiglitz, aber auch der Blackrock- Chef Laurence Fink und Warren Buffett halten die MMT für Unsinn. Ob die Befürworter oder die Gegner der Idee recht haben, lässt sich aus heutiger Sicht nicht beantworten, vielleicht werden wir ja tatsäch- lich Zeugen einer Revolution. Ob das Konzept jemals in die Realität umgesetzt wird, könnte aber schon vom Ausgang der nächsten US-Wahlen abhängen. Fest steht, dass man in der Finanzberatung damit rechnen muss, dass in Zukunft versucht wird, die MMT prak- tisch anzuwenden. Und falls das schiefgeht, muss man mit gra- vierenden Folgen rechnen. Den einzigen Schutz davor dürften dabei aus heutiger Sicht Investitionen bieten, die Anleger an realen Werten beteiligen. Und das können nur Aktien und Immobilien sein bezie- hungsweise Fonds, die in diese Anlageklassen investieren. Gerhard Führing Mamdouh El-Morsi Der Hedgefondsmanager Ray Dalio glaubt, dass in Zukunft kein Weg an der Umsetzung der Modern Monetary Theory vorbeiführt. Was heißt das für Anleger? Gibt es das Perpetuum mobile ? Foto: © Marlene Fröhlich Gerhard Führing, Mamdouh El-Morsi

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