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Kredit als Assetklasse?

30.03.2009

Die Online-Plattform smava bietet seit einiger Zeit Kredite direkt von Mensch zu Mensch an und könnte damit Wegbereiter einer neuen Assetklasse sein.

Wir könnten am Beginn einer Zeit stehen, in der nicht länger die Banken die wichtigsten Kreditgeber sind. Es steht inzwischen fest, dass der Abbau der massiven Hebelung der Bankbilanzen (Stichwort Deleveraging) noch lange Zeit dauern wird. Aus diesem Grund wird deren Bereitschaft, Kredite zu vergeben, ebenfalls noch geraume Zeit gering sein – und damit entsteht ein Marktlücke. Es gibt reichlich Anleger, die Geld horten, und es gibt noch mehr Menschen, die Kredite benötigen. Dass hier ein neuer Markt entsteht, war nur eine Frage der Zeit. Gäbe es nicht die mit einem Bankgeschäft verknüpften juristischen Fragen und das Problem der Bonitätsprüfung, wäre dieser Markt vermutlich heute schon viel größer, als das der Fall ist. Eine kleine deutsche Internetplattform mit Namen „smava.de“ ist in diesen Tagen jedenfalls bereits dabei, mit der Kreditvergabe eine Erfolgsstory zu schreiben. Die seit März 2007 aktive Kreditdrehscheibe ermöglicht es Anlegern und Kreditnehmern, sich die bei Bankgeschäften übliche Spanne zwischen Einlagen- und Kreditzins zu teilen. Dass dies grundsätzlich einmal funktioniert, kann man im hauseigenen Forum nachlesen, ein smava-Kunde schreibt: „Aus der Sicht eines potenziellen gewerblichen Kreditnehmers, der bei Geschäftsbanken gegen eine Wand zu laufen droht, ist smava die Idee schlechthin.“

Zusammenarbeit mit biw AG
smava ist dabei übrigens keine Bank, sondern nur der Betreiber eines Marktplatzes und Vermittler. Die Plattform arbeitet mit der Bank für Investments und Wertpapiere (biw AG) zusammen, die wiederum zur Aragon AG der Angermayer, Brumm & Lange Gruppe gehört. Die Bank vergibt die von den Anlegern ausgewählten Kredite und verkauft diese ohne Preisaufschlag an die Anleger weiter, deshalb benötigen weder Anleger noch Kreditnehmer eine Banklizenz. Dadurch unterliegen die Daten der Anleger und Kreditnehmer auch dem Bankgeheimnis. Zudem sind bei der biw AG eingezahlte Anlegerguthaben vom Einlagensicherungsfonds abgesichert. smava selbst verdient dabei Geld, indem der Kreditnehmer eine einmalige Erfolgsgebühr in Höhe von zwei Prozent (mindestens 40 Euro) bzw. 2,5 Prozent (mindestens 60 Euro) des finanzierten Kreditbetrags zahlt.
Wie funktioniert das nun in der Praxis? Kreditnehmer geben online bei smava in einem Kreditansuchen an, wie viel Geld sie für welchen Zweck benötigen und wie hoch der Zins ist, den sie zu zahlen bereit sind. Die Betragshöhe muss dabei zwischen 1000 und 25.000 Euro liegen.

Genaue Prüfung
Bevor sie tatsächlich Kapital erhalten, wird noch ihre Bonität durch ein eigens mit der Schufa entwickeltes Bewertungsverfahren überprüft. Dabei wird in einem ersten Schritt die Identität des potenziellen Kreditnehmers genau festgestellt, zudem wird der Schufa-Score eingeholt. Dieser stellt eine Prognose über das künftige Verhalten von Personengruppen dar, die auf der Grundlage von statistisch-mathematischen Analyseverfahren berechnet wird. Es handelt sich also nicht um die Bewertung der Bonität eines konkreten Kunden, sondern um die Einschätzung der Kreditwürdigkeit einer Gruppe, der dieser Kunde angehört. Danach erfolgt eine Überprüfung der Einkommensverhältnisse, um festzustellen, ob der Kreditnehmer überhaupt in der Lage ist, die Kreditraten aus seinem frei verfügbaren Einkommen zu bedienen. „Dies machen wir sehr gründlich. Ähnlich wie in einer richtigen Bank lassen wir uns etwa die letzten drei Gehaltsabrechnungen oder bei Selbstständigen die Jahresabschlüsse der vergangenen zwei Jahre vorlegen. Anschließend können wir sehr gut beurteilen, welche Summe der Kreditnehmer in seiner aktuellen Situation zurückzahlen kann“, erklärt smava-Gründer Alexander Artopé im Gespräch mit FONDS professionell. Der Kreditnehmer wird durch dieses Verfahren in eine Bonitätsklasse eingeteilt, diese beschreibt anschließend auch die Ausfallswahrscheinlichkeit (siehe Kasten). Abhängig von der Bonitätsklasse, die von A bis H reicht, hat man dann – ähnlich wie bei Unternehmensanleihen – auch eine Risikoprämie. Bei der bestmöglichen Bonität A liegt diese Prämie bei etwa 0,8 Prozent.

Absicherungsmechanismus
Für den Fall, dass Kreditnehmer ihren Kredit nicht zurückzahlen können, gibt es einen Absicherungsmechanismus. Alle Kreditgeber (Anleger) der betroffenen Bonitätsklasse sitzen dann in einem Boot. Fällt ein A-Kreditnehmer aus, erhalten alle Anleger, die in dieser Bonitätsklasse Kredit vergeben haben, eine geringere Tilgung. Durch diese Reduktion der Tilgungszahlung verringert sich natürlich auch die Rendite des Investments. Falls der Kreditnehmer seine Raten nach zwei Mahnungen nicht bezahlt, wird der Kredit an ein Inkassobüro verkauft und der Erlös auf die Anleger verteilt. „Wichtig ist dabei immer, dass das Risiko richtig gepreist wird. Bei der Bonität H haben wir einen Risikoaufschlag von rund sieben Prozent. Wenn man also einen Nominalzins von 15 Prozent hat und diese sieben abzieht, bleiben immer noch acht Prozent an zu erwartender Rendite. Wobei man natürlich davon ausgehen muss, dass die Volatilitäten bei H-Krediten weitaus höher sind als bei A-Bonitäten“, erklärt Artopé. Für smava ist es daher nicht so wichtig, wie hoch die absolute Ausfallquote über alle Klassen hinweg ist – aktuell liegt diese im Durchschnitt übrigens bei 4,5 Prozent –, sondern dass sich der Risikoaufschlag auch mit den Prognosen deckt. Dass das System mit den Risikoaufschlägen bei den bisher vergebenen 1300 Krediten ganz gut funktioniert, lässt die Tatsache vermuten, dass man aktuell in nur zwei von acht Bonitätsklassen unter Plan liegt. „Ironischerweise handelt es sich dabei um die beiden besten Klassen A und B. Dabei gehen wir davon aus, dass sich die Bonitätsportfolios mit der Zeit so ausgleichen, dass sie sie sich um die prognostizierten Werte herum einpendeln werden.“

Breite Streuung
Damit es sich am Ende auch für den Kreditgeber lohnt, muss er bei der Investition auf eine breite Streuung auf verschiedene Kreditprojekte Wert legen. Dies legt auch eine Aufstellung eines smava-Kreditgebers nahe, der sein Kreditportfolio auf der Internetseite veröffentlichte: „Die von smava berechnete erwartete Rendite meines Portofolios wird zurzeit mit 7,9 Prozent angegeben. Fünf meiner 50 smava-Kredite wurden vorzeitig getilgt. Einer ist ausgefallen, und zwei sind derzeit in Verzug.“ Dieses Beispiel und die rege Tätigkeit in den Foren zeigt, wie gut die Kreditgeber die Plattform bereits als Investitionsvehikel aufgenommen haben. Inzwischen gibt es auch bereits international mehrere ähnliche Projekte – weltweit bereits mehr als 30 (siehe Kasten).
smava und ähnliche Kreditplattformen könnten also künftig als Umschlagplätze für einen Kapitalmarkt dienen, der davon lebt, dass Menschen anderen Menschen direkt Geld leihen. Die Vorteile wären dabei, dass man Renditen über dem Festgeld bei einer relativ niedrigen Volatilität erzielen könnte und diese weitgehend unkorreliert zu anderen festverzinslichen Anlageformen wären. Auch für Anleger, die ein regelmäßiges Einkommen suchen, ist das Thema interessant. Artopé: „Man bekommt schließlich monatlich gleichbleibende Ratenzahlungen auf sein Konto überwiesen. Die Rückflüsse starten sofort, und die Laufzeiten sind mit drei oder fünf Jahren verhältnismäßig kurz.“
Hinsichtlich der Korrelation ist natürlich eine völlige Abschottung gegenüber allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklungen nicht möglich, die übliche Abhängigkeit von Zinszyklen ist aber zumindest abgeschwächt. Was eine Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Vertrieb betrifft, erklärt Artopé, dass es denkbar wäre, in Zukunft auch mit Beratern zu kooperieren. Wie genau dies aussehen könnte, steht allerdings noch in den Sternen. 

Im Anhang: Risikoaufschlag nach Bonität, P2P-Kreditmarktplätze weltweit nach Kreditvolumen

Quelle: FONDS professionell
AnhangRisikaufschlag nach Bonität
AnhangP2P-Kreditmarktplätze
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