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An dieser Stelle habe ich am 5. November des Vorjahres darauf hingewiesen, dass der sich damals durchsetzende Marktkonsensus, dass wir auf eine tiefgehende, lang dauernde Rezession zugehen, bedenklich einstimmig war. Alle „Experten“, die zwei Jahre davor nicht die geringsten Anzeichen einer bevor stehenden Katastrophe gesehen hatten, wussten plötzlich sehr genau, wie die weitere Entwicklung aussehen würde. Meine „Warnung“, dass man auch mit einer positiven Überraschung rechnen müsse, hat sich - zumindest an der Börse - als berechtigt heraus gestellt. Seit Anfang März sahen wir eine der eindrucksvollsten Gegenbewegungen der letzten Jahre. Und die meisten Marktteilnehmer haben diesen Anstieg - im DAX waren das schon mehr als 40 Prozent (!) – verpasst und beginnen nun nervös zu werden. Während des gesamten Anstiegs konnte man von professionellen Anlegern hören, dass diese Bewegung allenfalls eine technische Reaktion und daher nicht nachhaltig sein werde. Und aus genau diesem Grund konnte sich der Aufwärtstrend weiter etablieren. Nun beginnt sich das Blatt aber langsam zu wenden, die Stimmen, die von einer Fortsetzung der Hausse ausgehen, mehren sich und die Stimmung wird zusehends besser. Und damit wird es langsam, aber sicher gefährlich.
Die zentrale Frage bei der Beurteilung der weiteren Aussichten für die Börsen gilt der konjunkturellen Entwicklung. Der Aktienmarkt hat hier ja nur eine - erhoffte - Erholung vorweggenommen, die sich nun einstellen muss, um die Kursanstiege zu rechtfertigen. Ob die Wirtschaft den erhofften Aufschwung erleben wird oder nicht, ist derzeit in Wahrheit nicht seriös einschätzbar. Wer will, kann sich aus der Datenflut zwar die benötigten positiven Signale herauspicken, leider ist aber auch das Gegenteil ebenso einfach möglich. Um zu sehen, welche Zukunft vor uns liegen könnte, falls die Konjunkturhoffnungen zerschlagen, genügt ein Blick auf die Marktentwicklung der letzten Rezession. Nimmt man hier den DAX als Referenz, wird die Sache beinahe unheimlich. Der deutsche Leitindex entwickelte sich im Zeitraum von Anfang 1999 bis Anfang 2002 auf verblüffend ähnliche Weise wie zwischen Anfang 2006 und heute. Legt man die Chartbilder übereinander, stimmen die absoluten Indexstände und der Rhythmus von Auf- und Abbewegungen fast perfekt überein (der Chart wurde weder im Maßstab noch im dargestellten Zeitraum verzerrt).
 Zieht man die Parallele zur letzten Baisse, dann stünden wir derzeit am Ende der Erholung, die nach den Tiefstständen des 11. September 2001 einsetzte und bis ins erste Quartal 2002 reichte. Wie sah die Berichterstattung damals aus? Nun, leider ebenso tendenziell positiv wie heute, viele Analysten erwarteten eine positive Entwicklung, INVESCO schrieb etwa im März 2002: „Aufschwünge werden fast immer unterschätzt - 2002 wird ein gutes Aktienjahr“ und lag damit so wie viele andere führende Investmenthäuser daneben. Von seinem Zwischenhoch bei 5500 Punkten fiel der DAX danach weit mehr als 50 Prozent auf rund 2200 Zähler. Erst ein Jahr später drehten die Börsen tatsächlich nach oben.
Noch ein Punkt sollte nicht übersehen werden: Was die Dauer der aktuellen Baisse betrifft, wäre sie für den Fall, dass im März 2009 bereits die Trendwende erfolgte, deutlich kürzer gewesen als jene von 2000 bis 2003. Und das, obwohl der wirtschaftliche Einbruch diesmal deutlich massiver ausfiel als nach dem Platzen der Tech Bubble. Das wäre zwar wünschenswert, aber bekanntlich ist das Leben keine Wunschkonzert. Wer also im März nicht den Mut hatte, in Aktien zu investieren, muss nicht unbedigt heute übermütig werden – es ist nicht wahrscheinlich, dass die Märkte so wie seit März praktisch ohne Unterbrechung bis auf weiteres nur noch steigen.
Gerhard Führing. |