Die mit Jahresanfang eingeführte EU-Richtlinie Mifid II dürfte wohl doch nicht ganz spurlos an den heimischen Finanzdienstleistern vorübergegangen sein. Für viele dürfte der zu erwartende Mehraufwand, den die Richtlinie – die hierzulande mit dem Wertpapieraufsichtsgesetz (WAG 2018) umgesetzt wurde – für das Tagesgeschäft bedeutet hätte, wohl zu viel geworden sein. Mit Mifid II eingeführte Themen wie die strengere Beratungsdokumentation, das Vergütungsrecht, Produktregulierung und Telefonaufzeichnungen sind an sich schon große Brocken. Für weitere Verunsicherung sorgte zudem die seit Ende Mai geltende Datenschutz-Grundverordnung. Aber auch die mit dem WAG 2018 neu geschaffene Möglichkeit der Vor-Ort-Prüfungen bei vertraglich gebundenen Vermittlern und Wertpapiervermittlern durch die Aufsichtsbehörde dürften wohl für einige Berater das Fass zum Überlaufen gebracht haben. Diesen Schluss lässt zumindest ein Blick auf die aktu­ellste­n Zahlen der Finanzmarktaufsicht zu.

Die Behörde erfasst in ihrer Statistik alle Berater, die unter einem Haftungsdach arbeiten, sei es als vertraglich gebundene Vermittler (VGV) oder als Wertpapiervermittler (WPV). Und laut dieser Statistik hat sich die Anzahl der Berater im Vergleich zum Jahr 2016 um immerhin 12 Prozent auf 2.742 verringert.Eine auf den ersten Blick erschreckend hohe Zahl, auf den zweiten Blick zeigt sich allerdings, dass sich diese Berater nicht vollständig aus dem Finanzdienstleistungsgeschäft verabschiedet haben dürften. Dies legen die Zahlen des Fachverbandes der Finanzdienstleister nahe. Die Wirtschaftskammer weist nämlich in ihrer Mitgliederstatistik unter "Vermögensberater" alle Berater aus, die eine aktive Gewerbeberechtigung haben, also auch jene, die kein Haftungsdach benötigen, weil sie kein Wertpapiergeschäft abschließen.

Dementsprechend kann Philipp Bohrn, bis Ende Mai noch Geschäftsführer des Fachverbandes Finanzdienstleister, die Entwicklung der FMA-Zahlen bei einem Blick auf die Mitgliederstatistik des Fachverbandes nicht nachvollziehen und erklärt: "In unseren Zahlen spiegelt sich dieser deutliche Rückgang nicht wider. Auch ein Blick auf die Zahlen des ersten beziehungsweise zweiten Quartals – diese werden von uns nicht veröffentlicht – zeigt, dass die Anzahl der Mitglieder nicht gesunken ist."

Spezialisierung
Bohrn hat für die Diskrepanz zwischen FMA- und WK-Zahlen allerdings eine Erklärung parat: "Viele Berater dürften sich stärker spezialisiert haben, etwa auf die Kreditvermittlung oder Versicherungen. Im Bereich der Veranlagung könnten sich einige auch auf die Vermittlung von fondsgebundenen Lebens­versicherungen anstelle von Direktinvestments in Investmentfonds fokussiert haben. Eventuell arbeiten einige nun auch stärker mit Portfolioverwaltern zusammen und vermitteln die Kunden im Veranlagungsbereich als Tippgeber an diese weiter."“ Für jene, auf die dies zutrifft, wäre es nicht mehr notwendig, unter dem Haftungsdach zu arbeiten, insofern ist Bohrns Erklärung durchaus nachvollziehbar.

Vergleicht man die Entwicklung der Zahlen der WK und der FMA, zeigt sich, dass diese seit etwa vier Jahren auseinanderdriften. Insgesamt liegt die Differenz zwischen den beiden Statistiken aktuell sogar bei 885 Beratern. Die vermeintlich Leidtragenden dieser Entwicklung sind vor allem die Haftungsdächer, die ganz offensichtlich kontinuierlich Berater verlieren. Dabei sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass es oftmals die Haftungsdächer selbst sind, die Kooperationsverhältnisse auflösen. In der Vergangenheit gab es schließlich Beispiele von Pools, die sich aktiv von Beratern getrennt haben, die nicht genügend Wertpapiergeschäft liefern konnten. Hinzu kommt, dass erste Haftungsdächer Berater kündigen, die ihren Fortbildungsverpflichtungen nicht beziehungsweise zu spät nachkommen. (gp)


Den vollständigen Bericht zur Entwicklung der Beraterzahlen lesen Sie in der FONDS professionell-Heftausgabe 2/2018, die vor kurzem erschienen ist.