Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern ist in der Finanzindustrie noch immer enorm. Insbesondere im Fondsmanagement zeigt sich eine deutliche Diskrepanz: Unter den rund 15.300 Fondsmanagern in der Datenbank des britischen Analysehauses Citywire sind 13.540 Männer und nur 1.615 Frauen vertreten. Das entspricht einem Frauenanteil von rund zehn Prozent. Die Zahlen stammen aus der aktuellen Studie "Alpha Female 2017" von Citywire, über die das Portal finews.ch berichtet (die komplette Ausarbeitung finden Sie hier).

Die Citywire-Experten haben auch Fonds analysiert, die nur von einer Person verwaltet werden, an deren Spitze also auch eine Investmentexpertin stehen könnte. Dort ist der Geschlechtergraben mit einer "Frauenquote" von knapp sechs Prozent sogar noch tiefer: Auf 12.597 Männer kommen gerade einmal 809 Damen. Die von Männern geführten Fonds verwalten überdies im Schnitt fast doppelt so viel Geld wie die von Managerinnen geführten. Oder anders ausgedrückt: Volumengewichtet kommen Fondsmanagerinnen branchenweit sogar auf einen Anteil nur vier Prozent.

Zudem decken die Citywire-Spezialisten auch gravierende nationale Unterschiede auf: In Spanien liegt der Frauenanteil im Fondsmanagement mit 22 Prozent am höchsten, gefolgt von Italien mit 19 und Frankreich mit 18 Prozent. Auch in Asien liegt der Fondsmanagerinnen-Anteil über dem Durchschnitt. In Österreich gibt es mit elf Prozent immer noch leicht überdurchschnittlich viele Fondsmanagerinnen. In der Schweiz sind es dagegen gerade einmal acht Prozent, in Deutschland sogar nur fünf. Indien und Brasilien bilden mit einer Fondsmanagerinnen-Quote von jeweils drei Prozent das Schlusslicht.

Jungs wollen nicht mit Mädchen spielen
Männer haben im Asset Management nicht deshalb die Nase vorn, weil sie etwa besser wären. Grund für den Frauenmangel sind vielmehr eine gewisse Macho-Kultur und die berüchtigte gläserne Decke, schlussfolgern die Studienautoren.

Das habe massive Auswirkungen auf das grundsätzliche Interesse von Frauen, in der Fondswelt Fuß zu fassen oder eine Karriere anzustreben: "Die meisten Frauen begründeten ihre Abkehr vom Fondsmanagement mit der männlich dominierten Kultur in der Finanzbranche", sagt Ann Richards, Chefin des britischen Investmenthauses M&G. Zudem werden viele Fonds schon lange von Männern geführt, und das nicht grundsätzlich schlecht. Das erschwert Frauen den Neueinstieg.

Umdenken vonnöten
Innerhalb der Branche scheinen vereinzelt Weckrufe gehört zu werden. "Die Branche lässt sich viele Talente entgehen“, sagt beispielsweise Herbert Kronaus. Weibliche Fondsmanager seien nicht nur ebenso talentiert wie ihre männlichen Kollegen, sondern könnten darüber hinaus auch komplett andere, wertvolle Kompetenzen in Teams mit einbringen, meint der Country Head Österreich beim Fondsanbieter Columbia Threadneedle. 

So zeigten wissenschaftliche Untersuchungen aus der Hirnforschung, dass weibliche Eigenschaften positiv zu den Ergebnissen im Fondsmanagement beitragen können und auch zu weniger performanceschädigendem Anlageverhalten neigen.

Spezielle Talente werden vergeudet
"Zum Beispiel sind Frauen weniger anfällig für das Eingehen übertriebener Risiken in steigenden Märkten. Fallen die Märkte ab, neigen Frauen auch weniger zu stressbasierten risikoaversen Anlageentscheidungen“, sagt Kronaus.

Zudem lägen Frauen Untersuchungen zufolge vorn, wenn es darum geht, situationsbezogen und in größeren Zusammenhängen zu denken. "All dies ist im Fondsmanagement gefragt und überaus hilfreich für die Übersetzung geopolitischer und makroökonomischer Entwicklungen in konkrete Portfolioallokationen“, sagt Kronaus. (fp(kb/ps)