Vor 25 Jahren war Fidelity Investments noch der unbestrittene Marktführer der US-Investmentbranche – doch diese Zeit ist vorbei. Die "New York Times" stellte Ende Mai die These auf, das Unternehmen sei "in der Vergangenheit hängen geblieben". Ein US-Branchendienst habe sogar geschrieben, Fidelity stecke "in einer existenziellen Krise", berichtet die Ratingagentur Morningstar.

Deren Analyst John Rekenthaler mag sich diesem harschen Urteil nicht anschließen. Es stimme zwar, dass Fidelity nicht mehr das "Kraftpaket der US-Investmentbranche" ist. "Doch das ist nicht neu. Fidelity verlor den Titel des größten US-Vermögensverwalters schon vor dem Ende des vergangenen Jahrtausends."

Im Wesentlichen sei das auf einen Leistungseinbruch der Fonds zurückzuführen. "Bei Fidelity hielt sich zunächst die Hoffnung, den Titel mit einer Erholung der Fonds wiederzuerlangen. Das ging nicht auf. Im Jahr 2005 war das Rennen im Grunde gelaufen", schreibt der Morningstar-Analyst.

"Mehr als ein aktiver Fondsmanager"
Fidelity habe damals drei Optionen gehabt. Das Unternehmen hätte seine Energie darauf verwenden können, immer günstigere Indexfonds anzubieten – so wie der Rivale Vanguard. "Obwohl Fidelity Indexfonds lancierte und förderte und an mehreren Preiskämpfen teilnahm, setzte man in Boston nicht alles auf diese Karte", erinnert sich Rekenthaler. Die zweite Option sei gewesen, alles auf die Karte des aktiven Asset Managements zu setzen, so wie die Capital Group. Doch auch das geschah nicht.

Stattdessen habe sich Fidelity für eine Diversifizierung des Geschäftes entschieden. So nutzte das Unternehmen seine Gewinne aus der Investment-Management-Einheit, um unter anderem eine große Discount-Brokerage-Plattform aufzubauen. Fidelity administriert darüber 4,4 Billionen Dollar. Hinzu kommen weitere 2,4 Billionen Dollar, die die Firma selbst managt. "Letztere Assets bleiben die Goldmine – sie erwirtschaften den größten Teil der Einnahmen von Fidelity und einen noch größeren Anteil am Gewinn", betont Rekenthaler.

Dennoch seien die neueren Geschäfte profitabel und wüchsen deutlich schneller als das traditionelle Asset Management. "Daher würde ich Fidelity nicht im Zustand des Übergangs betrachten und auch nicht in einer schweren existenziellen Krise", so sein Fazit. "Ziel der Unternehmensführung ist es, mehr als ein aktiver Fondsmanager zu sein. Natürlich wäre es für Fidelity angenehmer gewesen, diese Diversifikation aus einer Position der Stärke zu erreichen. Aber man versuchte das Beste aus der Situation zu machen, das Leben ist schließlich kein Wunschkonzert."

Hohe Mittelabflüsse auch in Deutschland
Für Leser aus Deutschland und Österreich ist wichtig zu wissen, dass sich die Analysen von "New York Times" und Morningstar auf Fidelity Investments beziehen, das US-amerikanische Stammhaus des Fondsanbieters. Hierzulande ist Fidelity International tätig, ein Schwesterunternehmen des Originals.

Doch auch bei Fidelity International läuft nicht alles wie geschmiert. So ist der Investmentstatistik des deutschen Fondsverbands BVI zu entnehmen, dass Anleger aus Deutschland im vergangenen Jahr unter dem Strich 276,3 Millionen Euro aus Publikumsfonds des Anbieters abzogen. Allein im ersten Quartal dieses Jahres flossen weitere 332,9 Millionen Euro aus den Fidelity-Portfolios ab. In Deutschland machten jüngst zudem der Umbau des Sales-Teams und später der Abgang des Vertriebsleiters Schlagzeilen. (bm/fp)