Euphorie und Panik können eng beieinanderliegen. Das wird deutlich, wenn man aktuelle Einschätzungen über die Zukunft der Blockchain-Technologie einholt. "Die Blockchain wird Banken, Versicherern, Börsen oder Vermögensverwaltern jährlich Kosten in Milliardenhöhe sparen", schwärmen die einen. "Die Blockchain wird klassische Finanzinstitute obsolet machen", lautet die weniger erfreuliche Prognose der anderen.

Seit 2015 präsentieren Unternehmen sehr konkrete Anwendungen, die das Potenzial der Technologie nutzen. Bisher laufen diese zwar meist immer noch im "Testmodus" beziehungsweise mit einer eingeschränkten Teilnehmerzahl. Langsam verdichten sich aber die Anzeichen dafür, dass "Blockchain im Echtbetrieb" bald größere Ausmaße annimmt.

Santander mit Blockchain-App
Dass dies nicht ganz so einfach zu sein scheint und lange Zeit in Anspruch nehmen kann, sieht man an der Bank Santander. Die schickte als eines der ersten Geldinstitute im Jahr 2015 eine Blockchain-App für internationale Zahlungen in den Testbetrieb. Nun erst machen die Spanier im Zahlungsverkehr für Privatkunden ernst: Im ersten Quartal 2018 sollen internationale Überweisungen, die bisher zwei bis vier Tage dauerten, dank Blockchain-Technologie (oder Distributed Ledger, ein Synonym für Blockchain) über Nacht verbucht werden.

Doch die Anwendungs-Tests der Blockchain im Finanzbereich gehen weit über den Zahlungsverkehr hinaus. Unter Umständen wird man schon bald auch Fonds über die Blockchain erwerben können. Die Luxemburger Plattform FundsDLT wirbt mit der Aussage, dass über ihre Lösung Fondsanbieter erstmals ihre Produkte in Echtzeit und direkt an den Investor verkaufen können.

Vereinfacht gesagt garantiert die Blockchain von FundsDLT, dass der Asset Manager sein Geld bekommt, sobald der Kunde auf "Kaufen“ gedrückt hat. Alle Parteien sind untereinander vernetzt: Jeder neue Schritt löst beim Transferagenten (Buchführer über Käufe und Rücknahmen), beim Clearing oder beim Asset Manager den jeweils nächsten nötigen Schritt aus. Alles ist laut FundsDLT auch "Mifid-II-" und "Anti-Geldwäsche-Richtlinie-konform". Ein erster Pilot-Investor kaufte 2017 Fondsanteile über FundsDLT.

"Stunden statt Tage"
Auch in Österreich überlegen die Geldhäuser, wie man an dieser Entwicklung partizipieren kann. Die Erste Group, die hier zu den Vorreitern gehört, hat die Blockchain mehrfach real getestet und überlegt nun, ob Distributed Ledgers auch für den Wertpapierhandel taugen. "Kapitalmarkt und Treasury sind sehr personalintensiv. Dokumente werden oft auf Papier ausgetauscht. Transaktionen dauern oft eine Woche, sie können manchmal nicht parallel laufen, sondern wir müssen warten, bis eine abgeschlossen ist, bevor die nächste startet. Häufig wird eine Person für die gesamte Zeit beansprucht. Wir erhoffen uns, dass wir Prozesse, die mehrere Tage dauern, auf Stunden runterbringen können", erklärt Wilhelm Brad, Head of Productmanagment Securities Wholesale & Trading, gegenüber FONDS professionell.

Er sieht außerdem die Möglichkeit, dass die Blockchain nicht nur die Prozesse beschleunigen, sondern auch die Kapitalkosten senken könnte: "Im Wertpapiergeschäft haben wir Lieferung gegen Zahlung. Heute habe ich Valuta T+1 oder T+2, bis das Geschäft abgewickelt ist. Wenn ich zahle, weiß ich bis dahin nicht, ob mir das Wertpapier auch geliefert wird. Deswegen müssen wir mit Settlement-Limits oder Counterparty-Ausfallslimits arbeiten. Und diese Limits muss ich mit Eigenkapital unterlegen", so Brad.

2018 entscheidet Erste Group über den Einsatz
Trotz der möglichen Potenziale sieht sich die Erste Group punkto Kapitalmarkt noch am Beginn der Blockchain-Überlegungen. Wesentlich weiter ist man im Zahlungsverkehr. Hier soll 2018 bereits definitiv die Entscheidung fallen, mit welchem System man in die Blockchain-Technologie einsteigt.

Der Konzern hat die Blockchain im Zahlungsverkehr bereits "außerhalb des Labors" getestet, wie Petia Niederländer, Head of ­Retail & Corporate Operations Erste Group, sagt. "Eine Fremdwährungstransaktion zwischen Erste Group und Erste Bank Österreich wurde real abgewickelt." Ziel war, dass es – ähnlich wie beim bestehenden Instant-Payment-Schema – maximal 20 Sekunden dauert. "Wir haben diese Zeit gut unterschritten", freut sich die Bankerin. Kooperationspartner bei diesem Pilotprojekt war der Blockchain-Zahlungsprotokollanbieter Ripple Labs.

Der Vorstoß Ripples lockte die global führende Banktransaktionsabwicklungsplattform Swift aus der Reserve. Die Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication startete 2017 eine Blockchain-Initiative. Nun will die Erste Group, die an dieser Initiative teilnimmt, warten, was Swift entwickelt, denn hinter dieser Organisation stehen 10.000 Banken. "Eine der wesentlichen Herausforderungen bei Blockchain besteht darin, Reichweite zu schaffen", so Niederländer. Und die Reichweite ist eine mögliche Schwäche von Ripple, obwohl namhafte Institute wie American Express, Santander, RBC oder Unicredit zu den Mitgliedern zählen. "Heuer wollen wir fix entscheiden, ob wir mit Ripple starten, auf Swift warten oder eine andere Technologie wählen", so Niederländer.

Die Entscheidung dürfte nicht leicht fallen: Auf Swift zu warten könnte noch Jahre dauern. Geht man mit einer anderen Lösung an den Markt, punktet man zwar als First Mover, läuft aber Gefahr, später umsteigen zu müssen, sollte sich ein anderer Distributed Ledger durchsetzen.

Andere Anwendungen
Die Blockchain-Technologie bringt aber nicht nur Bewegung in den Zahlungsverkehr oder in das Wertpapiergeschäft, sondern könnte auch im internationalen Handel ein neues Kapitel aufschlagen. Die Erste Group schloss sich im Oktober 2017 dem von UBS und IBM geleiteten Konsortium Batavia an. Fünf Banken und IBM arbeiten darin an einer Blockchain-Plattform für die Finanzierung internationaler Handelsaktivitäten. Das Ziel: Der oft wochenlang dauernde Dokumentationsprozess zwischen Käufer, Verkäufer, Banken, Transportunternehmen und Regulatoren soll beschleunigt werden.

Im November trat die Raiffeisenbank International (RBI) dem globalen Netzwerk der Softwarefirma R3 bei. Die RBI untersucht nun ebenfalls, wie man die neue Technologie in Bereichen wie Zahlungsdienste, Kapitalmarkt oder Handelsfinanzierung einsetzen kann. R3 startete 2015 und hat mittlerweile 160 Finanzdienstleister, Technologieunternehmen und Regulatoren als Mitglieder. Credit Suisse und ING haben als R3-Teilnehmer im März erstmals eine reale Transaktion getestet und dabei Staatsanleihen im Umfang von 25 Millionen Euro gehandelt.

Einsparungen
Aus der Sicht der Kunden geht es um Schnelligkeit, aus Sicht der Finanzinstitute auch um Einsparungen. Mitte 2017 zitierte die Nasdaq die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman, derzufolge weltweit pro Jahr durch IT- und Abwicklungsaufwände Kosten zwischen 200 und 250 Milliarden US-Dollar anfallen. Wenn hier mithilfe der Blockchain nennenswerte Beträge eingespart werden könnten – Schätzung gehen von etwa zehn Prozent aus –, würden sich Investments in diesem Bereich rasch rechnen.

Bei all der Begeisterung bleiben Insider wie Niederländer beim Thema Blockchain allerdings lieber auf dem Boden. Sie bezweifelt, dass Milliardeneinsparungen kurzfristig realisierbar sind. "Blockchain ist ein zusätzlicher Aufwand, solange wir alte und neue Systeme nebeneinander haben."

Am Ende könnte es sich beim tatsächlichen Blockchain-Einsatz auch an rechtlichen Fragen spießen, meint Kollege Brad. "Hinter einem Abschluss stehen riesige Vertragswerke. Es gibt keine Erfahrungen, wie es juristisch aussieht, wenn man diese auf die Distributed-Ledger-Ebene hebt und durch Smart Contracts ersetzt. Transaktionen, die wir bis jetzt gesehen haben, wurden weiter von der analogen Dokumentation begleitet, um juristisch auf der sicheren Seite zu sein. Die Frage ist da auch, wie ein Regulator mitzieht", so Brad.

Signale dafür gibt es: Die EU-Kommission kündigte im Februar eine Blockchain-Beobachtungsstelle an, um die Entwicklung der Technologie in Europa zu fördern. Das World Economic Forum hat übrigens jüngst geschätzt, dass bis zum Jahr 2025 insgesamt zehn Prozent des weltweiten BIPs mithilfe der Blockchain-Technologie abgewickelt werden. (eml) 


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