Die "Cheerleaderin der Wall Street" denkt ans Aufhören. Sie werde die meisten ihrer Management- und Verwaltungsaufgaben abgeben, aber weiterhin Kunden und Gruppen bei Goldman Sachs beraten, sagte Abby Joseph Cohen, eine der prominentesten Mitarbeiterinnen der US-Investmentbank, unlängst in einem Bloomberg-Interview.

Als Advisory Director werde sie weiterhin Kunden treffen, die Investment-Beratung wünschen, hieß es in einer Mitteilung an Mitarbeiter. Cohen behält ihren Sitz im Investment Committee, das die US-Pensionspläne von Goldman Sachs überwacht, und wird Verbindungsperson zur National Defense University des US-Verteidigungsministeriums sein.

Mit einer Vorhersage zur Legende
Mit Cohen zieht sich eine der einflussreichsten, zuletzt aber auch umstrittensten Börsenbeobachterinnen zurück. In der ersten Hälfte ihrer 26 Jahre währenden Karriere bei Goldman Sachs hat sich Cohen einen fast schon legendären Ruf erworben, indem sie den US-Bullenmarkt der 1990er-Jahre vorhersah. Dieser ging in den ersten Technologie-Boom über, dessen abruptes Ende sie ebenfalls korrekt vorhersagte, was ihre Berühmtheit noch vergrößerte. "Die Märkte der 1990er-Jahre richtig vorherzusagen, war natürlich sehr befriedigend", sagte Cohen am Donnerstag. "Doch der Grund dafür war noch befriedigender, nämlich zu erkennen, dass in der US-Wirtschaft strukturelle Veränderungen im Gange waren."

Im März 2000, auf dem Höhepunkt der IT-Euphorie, empfahl Cohen ihren Kunden erstmals seit Januar 1999, ihr Aktienengagement, etwa bei Technologieunternehmen, zu reduzieren. Den anschließenden Absturz bei Nasdaq-Aktien schrieb das Wall Street Journal in Teilen auch dem "Abby Effekt" zu.

In den darauffolgenden Jahren aber verblasste ihr Ruhm nach und nach. Markante Trendwenden an den Börsen – vor allem verlustreiche Schwächeperioden – verpasste sie regelmäßig. Trotzig hielt sie jahrelang an ihrem überoptimistischen Bild vom "Supertanker USA" fest, nach dem US-Aktien generell zu billig seien. Von Cohen ausgegebene Indexziele für den S&P 500 erwiesen sich mehrfach als heillos übertrieben, weshalb sie ihren einstigen Kultstatus allmählich verlor. (mb/ps/Bloomberg)