Er war angetreten, das Dickschiff Deutsche Bank wieder in ruhige Gewässer zu mavövrieren. Doch nach rund zwei Jahren an der Spitze der immer noch größten deutschen Bank sieht es so aus, als ob es um Vorstandschef John Cryan immer einsamer wird: Das Verhältnis zu Aufsichtsratschef Paul Achleitner gilt als merklich abgekühlt, zudem steht der Brite intern und extern in der Kritik, wie verschiedene Medien berichten. Es sei sogar fraglich, ob er seinen bis 2020 laufenden Vertrag erfüllen könne, schreibt etwa die "Süddeutsche Zeitung" (SZ).

Dabei hatte sich Cryan nach dem Ende der Doppelspitze aus Anshu Jain und Jürgen Fitschen bis zum Frühjahr durchaus den Respekt und die Anerkennung vieler Mitarbeiter und Aktionäre erworben, beobachtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Es war ihm gelungen, die Bank zu stabilisieren. Doch seit dem Frühjahr wächst das Unbehagen: Der Börsenkurs des Dax-Mitglieds erholt sich nach Meinung von Anlegern nicht schnell genug, die Ratingagentur Fitch hat die Bonitätsnote der Bank gerade weiter heruntergestuft, und die Zahlen zum dritten Quartal werden aller Vorrausicht nach eher schlecht ausfallen.

Schließlich hat sich das Geldhaus beim Umgang mit der Tochter Postbank auch nicht mit Ruhm bekleckert: Zunächst sollte sie verkauft werden – nachdem man für den Wunschpreis aber keinen Interessenten fand, wird sie nun ins Mutterhaus re-integriert. Auch dafür machen Bankmanager Cryan mitverantwortlich.  

Cryan misstraut Großaktionär
Nun kommt ein weiteres Problem hinzu: Cryan hat sich bislang noch nicht mit den Chefs des größten Deutsche-Bank-Aktionärs HNA aus China getroffen, worüber Achtleitner dem Vernehmen nach alles andere als erfreut sei. Medienberichten zufolge scheue Cryan den direkten Gedankenaustausch mit dem chinesichen Investor, der seit wenigen Monaten knapp zehn Prozent der Aktien hält. Nach Kapitalmarktgepflogenheiten ist die Nicht-Kommunikation mit wichtigen Anteilseignern allerdings ein Unding für einen Top-Vorstand.

Cryan gelobt bereits Besserung, "er wolle sich gerne mit HNA-Chef Adam Tan treffen", zitiert ihn die SZ. Dennoch, das chinesische Konglomerats soll ihm nicht geheuer sein. I Teilen scheint das navollziehbar: Tatsächlich ist die Gesellschaft suspekt – die Öffentlichkeit und auch diverse europäische Aufsichtsbehörden rätseln seit einiger Zeit, wer genau hinter HNA steckt, dem auch der österreichische Vermögensverwalter C-Quadrat mehrheitlich gehört.

Nebulöse Geldquellen
Offiziell liegt das mit 29,5 Prozent größte Aktienpaket an der HNA in den Händen einer erst 2016 gegründeten unbekannten gemeinnützigen New Yorker Stiftung. Weitere 22,75 Prozent hält den von HNA vor Kurzem bekanntgegebenen Daten zufolge eine zweite Stiftung auf Hainan; die beiden Gründer Chen Feng und Wang Jian besitzen jeweils knapp 15 Prozent der Anteile. Der Rest liegt bei weiteren Gründern, führenden Managern sowie der Fluglinie Hainan Airlines, aus der HNA ursprünglich selbst hervorgegangen ist.

Gerade die New Yorker Stiftung ist ominös: Noch vor einigen Monaten hatten offiziell die beiden Privatpersonen Jun Guan und Bharat Bhisé das Aktienpaket von 29,5 Prozent gehalten – treuhänderisch, bis sie es an die Stiftung übergaben. Daher liegt die Vermutung nicht fern, es habe sich um Strohmänner gehandelt. Insbesondere die Person Guans lädt zu Spekulationen über HNA ein. Journalisten hatten Guan, der in der Geschäftswelt vollkommen unbekannt ist, an seinem offiziellen Wohnsitz aufsuchen wollen. Dieser entpuppte sich als ein heruntergekommenes Wohnsilo im Süden Pekings.

Weitere Anteilseigner auf Distanz
Aber auch mit den beiden anderen Großeignern, zwei Scheichs aus dem Emirat Katar mit Anteilen von rund acht Prozent, die bereits 2014 eingestiegen sind, kommt Cryan laut der SZ nicht besonders gut klar. Dies werde noch dadurch verstärkt, dass diese ausgerechnet von Ex-Deutsch-Banker Michele Faissola beraten werden, der im Zuge des Amtsantritts von Cryan gehen musste.

Die Gemengelage gleich daher einem "Faustischen Pakt", analysiert die SZ: Zusammen mit Katar sicherten die Chinesen auf der Hauptversammlung im Mai die Wiederwahl von Oberaufseher Achleitner für weitere fünf Jahre. Nachvollziehbar, dass Cryan ihnen daher eine gewisse Nähe zu dem selbstbewussten Chefkontrolleur unterstellt.

Kein Nachfolger in Sicht
Das Problem der Deutschen Bank ist, dass sie offenbar keinen Ersatz für Cryan parat hält, so die FAZ. Ein Nachfolger von außen müsste sich längere Zeit einarbeiten, und Cryans Stellvertreter Christian Sewing und Marcus Schenck brauchen nach Meinung von Branchenkennern noch einige Zeit.

Die nötige Geduld für einen möglichen Führungswechsel will HNA allemal aufbringen: Der chinesische Aktionär ließ kürzlich durchblicken, er betrachte seinen Anteil langfristig als attraktive Anlage. (jb)