Die EU Payment Services Directive (PSD2) dürfte eine der strategisch wichtigsten Veränderungen im Bankwesen der letzten Jahre werden. Auch, weil sie das Verhältnis von Bank und Kunden völlig neu gestaltet: Geldinstitute müssen  – so es der Kunde wünscht – Drittanbietern Zugriff auf seine Konten und Daten ermöglichen und Zahlungen weiterleiten. Der Kunde wird so zum Selbstbestimmer: Möchte er etwa das Service eines Fintechs nutzen, muss sich die Bank darum kümmern, die entsprechenden Informationen wie Kontodaten oder -deckung zur Verfügung zu stellen und Zahlungen im Auftrag des Kunden auszuführen. 

Für traditionelle Banken hat das gravierende Folgen."Neue Anbieter werden noch umfassender als bisher in den Markt drängen und das Geschäftsmodell der etablierten Dienstleister bedrohen – vor allem an der Kundenschnittstelle. Nach unseren Prognosen könnte das die etablierten Geldhäuser im Retail-Geschäft bis zu 40 Prozent ihres Gewinns kosten“, meint Sebastian Steger, Partner der Strategieberatung Roland Berger. 

Heimische Bankenvertreter können dieser Zahl auf Nachfrage von FONDS professionell ONLINE nichts abgewinnen. Man sieht die Sache differenziert – auch wenn über die finanzielle Belastung rund um die Einführung geklagt wird.

Hohe Kosten, fehlende Standards
"Genaue Kostenschätzungen liegen uns nicht vor. Aus unserer Sicht aber nicht fair geregelt ist die Tatsache, dass die kontoführenden Banken Drittdiensten einen kostenlosen Zugang zu ihren Kundenkonten und -informationen zur Verfügung stellen müssen. Das Bereitstellen dieser Schnittstelle ist ohne Zweifel mit Investitionen verbunden“, sagt Michael Ernegger vom Verband österreichischer Banken und Bankiers.

Weiters drängt Ernegger darauf, dass insbesondere die technischen Regulierungsstandards der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) zu den Erfordernissen für eine starke Kundenauthentifizierung rasch ausformuliert werden. Diese liegen bisher nur im Entwurfsstadium vor. Wie sie sich im Detail gestalten – also wie Kundendaten zu schützen sind und welche Daten überhaupt an Dritte weitergegeben werden dürfen – hat aber großen Einfluss auf die PSD2-Bemühungen der Banken. Die Geldinstitute müssen ja auch im "geöffneten“ Zustand für die weitere Sicherheit der Kundendaten sorgen. Laut Information der Erste Group erwarte man die genauen technischen Durchführungsstandards der EBA "in den nächsten Wochen".

"Mehr Rechtssicherheit"
Über diese Unsicherheiten hinaus erachtet Bankenverbandsmann Ernegger PSD2 aber nicht als grundsätzlich problematisch: "Neue Ideen und Geschäftsfelder müssen ja keineswegs nur von Drittanbietern kommen. Auch Kooperationen und Partnerschaften mit Fintechs eröffnen die Chance für neue Angebote und Dienstleistungen im Sinne der Kunden." Außerdem würden die Regelungen nun für alle Anbieter am Markt größere Rechtssicherheit bringen, "weil nunmehr bisher ungeregelte Bereiche erfasst werden und auch für die Drittanbieter Rechte und Pflichten festgelegt wurden“, sagte Ernegger zu FONDS professionell Online.

Bei der Raiffeisen Bank International (RBI) sieht man PSD2 gerade deshalb als Chance, weil Zahlungsverkehr und das Cash Management zum ureigenen Kerngeschäft zählen. In einem Projekt arbeite man sowohl an der Integration in bestehende Produkte als auch an neuen Services. Kostenbelastungen oder wie weit die Arbeiten fortgeschritten sind, wollte die RBI – wie auch alle anderen angefragten Häuser – nicht kommentieren. Man betrachte PSD2 über die verpflichtenden Herausforderungen als Chance, Mehrwert für die Kunden zu schaffen.

Furcht, Kunden zu verlieren
Im Hintergrund dürfte dennoch die Unsicherheit über den PSD2-Standard groß sein. Laut einer pwc-Studie, in der 30 führende europäische Banken befragt wurden, befürchten mehr als zwei Drittel den Verlust der Kundenschnittstelle.

Ein Fragezeichen taucht auch bei den Drittanbietern immer wieder auf: Da es keinen einheitlichen technischen Standard gibt, wie diese Zugänge abgewickelt werden, besteht die Befürchtung, dass der Ablauf an manchen Schnittstellen haken könnte.

Eine Chance für Banken besteht laut Experten beispielsweise darin, ihre Öffnung aktiv zu bewerben, beispielsweise eine App-Palette anzubieten und so ausgewählte Services von Fintechs zu verknüpfen, die aus Kundensicht die Attraktivität des Originalanbieters heben. Wer nur die regulatorischen "Mindeststandards" erfüllt, riskiere, durch digitale Wettbewerber in der Kundenbeziehung geschwächt zu werden, warnt man bei Roland Berger. Eine wesentliche Rolle spiele die Schnelligkeit, mit der die Institute PSD2-Strategien implementieren: Die ersten "Banken und neuen Wettbewerber positionieren sich bereits mit Lösungen und warten den offiziellen Startschuss von PSD2 gar nicht erst ab.“ (eml)