LGT: "Sanfte Landung" Chinas ist beste Lösung
Die chinesische Führung nimmt den Fuß vom Gas und setzt auf einen kontrollierten wirtschaftlichen Abschwung. Die Zurückhaltung bei der Kreditvergabe dürfte zwar einige Marktteilnehmer enttäuschen, sollte insgesamt aber positiv wirken, meint Mikio Kumada, Global Strategist bei der LGT Capital Management. Die Maßnahme sei jedenfalls geeignet, das Vertrauen in die Nachhaltigkeit der chinesischen Wirtschaft zu stärken.
Im Westen nichts Neues
Die Notenbanken der westlichen Industrieregionen lassen den Geldhahn weiter geöffnet. Die Federal Reserve hatte in der vergangenen Woche überraschend angekündigt, dass sie ihre aktuelle Nullzinspolitik voraussichtlich bis Ende 2014 beibehalten wird - eineinhalb Jahre länger als bisher in Aussicht gestellt. Diese Ankündigung war die zweite unerwartete Aktion einer großen Notenbank seit Dezember, als die Europäische Zentralbank die hohe Summe von 489 Milliarden. Euro an dreijährigen Krediten an die Banken des Euroraums vergab. Darüber hinaus berichtete die Financial Times unter Berufung auf Top-Bankmanager, die am Weltwirtschaftsforum in Davos teilnahmen, dass die EZB bei ihrer nächsten geplanten Auktion am 29. Februar eine weitere Billion Euro an solchen Krediten vergeben könnte – diese Summe entspräche rund zehn Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung des Euroraums. Mit diesen Aktionen ist es den zwei größten Notenbanken jedenfalls die Rückeroberung der Initiative an den Märkten gelungen.
Peking zeigt sich zurückhaltend
Im Gegensatz dazu hat Chinas Zentralbank all jene enttäuscht, die auf eine Lockerung ihrer Kreditpolitik Freitag gesetzt hatten. Auf längere Sicht sollte diese Zurückhaltung jedoch dazu beitragen, das Vertrauen in die Wirtschaft des Landes zu stärken. Chinas Wirtschaftslenker sind zu Recht zurückhaltend. China und der Westen stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen. In den westlichen Volkswirtschaften mangelt es im Grunde insbesondere seit der Finanzkrise von 2007-2008 an Wachstum, Kreditschöpfung und Vertrauen. Doch China hat von alldem zu viel. Im Falle Chinas hat das exzessive Kreditwachstum der letzten Jahre in potentiell gefährlicher Weise soziale und ökonomische Ungleichgewichte verstärkt. Die Tatsache, dass Chinas Inflationsrate seit Mitte 2011 etwas gesunken ist, stellt jedenfalls keinen ausreichenden Grund dar, um die Schleusen für neue Kreditströme wieder zu öffnen.
Chinas Entwicklung nicht nachhaltig
Der sprunghafte Anstieg der Kreditvergabe in China sollte ursprünglich helfen, den Einbruch der westlichen Nachfrage nach 2008 auszugleichen, hat aber inzwischen in einigen Segmenten der Volkswirtschaft zu Überinvestitionen geführt, z.B. im Immobilienbereich. Eine erneute Ausweitung der Kreditvergabe kann das Problem der unzureichenden Nachfrage für bestimmte Arten von Immobilien natürlich nicht lösen. Allgemein wuchs die Kreditvergabe in China selbst nach konservativen Schätzungen in den letzten Jahren mehr als doppelt so stark wie das Bruttoinlandsprodukt. Eine solche Entwicklung ist einfach nicht nachhaltig und kann daher auch das Vertrauen in die längerfristigen Perspektiven Chinas untergraben. Vor diesem Hintergrund gibt es auch aus Pekings Sicht kaum Gründe für eine Kreditlockerung – schon gar nicht zu einem Zeitpunkt, in der sich die USA, Europa und selbst Japan wirtschaftlich zu stabilisieren scheinen. Stattdessen müsste China seiner Wirtschaft genug Zeit geben, um die geschaffenen Ungleichgewichte zu «verdauen» - bis sich neue Gleichgewichte einstellen oder neue Nachfragequellen entwickelt haben. Eine umsichtige Steuerung der "sanften Landung" der chinesischen Wirtschaft ist gleichbedeutend mit einer maßvollen Kreditpolitik.
Eine "sanfte Landung" jetzt ist besser als eine "harte Landung" später
China dürfte daher weiterhin die "weiche Landung" seiner Wirtschaft in einer Weise zu steuern versuchen, welche nicht das Risiko eines großen "Crashs" in der Zukunft erhöht. Der Preis dafür ist u.a. die Inkaufnahme von weiterhin (zumindest aus relativer Sicht) schwachen chinesischen Börsen. Angesichts der langfristigen Risiken scheint dies ein für die Führung des Landes akzeptabler und angemessener Preis zu sein – besonders in einer Zeit, in der die Sorge der zunehmend städtischen Bevölkerung Chinas ohnehin nicht primär der Börse, sondern den realen Arbeitseinkommen und der Wohnraumbeschaffung gilt. (cs)
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