In den kommenden 25 bis 40 Jahren wird das real verfügbare Einkommen in den USA bei den 99 Prozent der Bürger, die nicht reich sind, nur noch um 0,2 Prozent jährlich wachsen statt wie noch im Jahr 2007 um zwei Prozent. Davon ist der US-Ökonom Robert Gordon überzeugt, der auf dem diesjährigen FONDS professionell KONGRESS in Mannheim als Eröffnungsredner über die Aussichten für die US-Wirtschaft sprach. Die sogenannten Techno-Optimisten, die enormes Wachstum dank technologischer Innovationen voraussagen, würden mehrere Faktoren übersehen. Die prominentesten Vertreter dieser Richtung sind Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), die sich starke Wachstumsimpulse aus den Sektoren Robotik und Big Data versprechen. "Wir sollten einen Schritt zurücktreten und über den Gegenwind für die Wirtschaft sprechen", meint Gordon.

Die Produktionsleistung pro Kopf sei seit 2004 um die Hälfte gesunken. Die alte Leistung könne wohl nicht mehr erreicht werden. Vier Faktoren bremsten das US-Wachstum aus: Demografie, Bildungssystem, Ungleichheit und Schulden. "Die Generation der Baby Boomer geht jetzt in Rente", so Gordon. "Die Auswirkungen werden wir noch 25 Jahre lang zu spüren bekommen." Auch die Beschäftigungsquote bei Frauen sei auf dem Rückzug, die Arbeitsleistung gehe insgesamt weiter zurück. Auch im Bildungsbereich sehe es schlecht aus. "Bildung war der Hauptmotor für das Wirtschaftswachstum im 20. Jahrhundert." Heute erwerben zwar 74 Prozent der Amerikaner einen High-School-Abschluss. Dessen Niveau liege allerdings unter dem Niveau westeuropäischer Schulabschlüsse. Das schlage sich in den Ergebnissen der USA bei der PISA-Studie nieder: Im Bereich Lesekompetenz liegt das Land aktuell auf Platz 21. Es räche sich, dass die Kosten für ein Hochschulstudium im internationalen Vergleich sehr hoch seien, sagte Gordon. US-Bürger haben mittlerweile zusammengenommen rund eine Trilliarde an College-Schulden angehäuft.

Löhne in der Finanzwelt steigen überproportional
Das Lohnniveau in den USA ist zwar insgesamt gestiegen. Nur: Die untersten 99 Prozent hätten davon kaum etwas gehabt, kritisierte Gordon. Besonders stark seien die Löhne und Gehälter in der Finanzbranche gestiegen. "Das wirft die Frage auf, ob die Branche Werte schafft oder nur Zinszahlungen und Boni generiert." Darüber hinaus dürften die Staatsschulden weiter steigen – eine weitere Belastung für die Wirtschaft. "Das Wachstum ist noch nicht vorbei, aber für die unteren 99 Prozent ist es kaum noch spürbar", erklärt der Starökonom.

Die USA hätten jahrzehntelang die Grenzen des technischen Fortschritts definiert. Die zweite industrielle Revolution nach 1850 habe besonders weitreichende Folgen gehabt: Erfindungen wie Elektrizität und fließendes Wasser hätten dazu geführt, dass der Lebensstandard sprunghaft gestiegen sei und Frauen sich erstmals nicht mehr ganztägig um die schwere Hausarbeit kümmern mussten. Die Säuglingssterblichkeit sank bis 1972 in den USA von 22 Prozent auf ein Prozent. "Seit diesen Zeiten haben wir uns allerdings kaum weiterentwickelt", sagte Gordon. Die Erfolge dieser Zeit ließen sich nicht wiederholen – letztlich könne der Fortschritt durch die Erfindung des Smartphones mit dem Fortschritt durch die Erfindung des Wasserklosetts nicht mithalten.

Big Data ist ein Nullsummenspiel
In den USA schrumpfe die industrielle Produktionsleistung stetig. Das Wachstum in Industriekapazität pro Kopf sei seit einigen Jahren negativ, die Dynamik habe sich deutlich verlangsamt. "Amerika hat die Fähigkeit verloren, neue High-Tech-Dinge zu produzieren", kritisierte der US-Ökonom. Die vielgelobten Big-Data-Lösungen würden vor allem im Marketing eingesetzt. "Das ist ein Nullsummenspeil und führt nicht zu einer Gesamtzunahme der Produktivität."

Politische Lösungsansätze für das Dilemma müssten radikal sein: Eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die steigende Lebenserwartung, eine starke Erhöhung der Einwanderungsquoten, die Legalisierung von Marihuana, um wertvolle Arbeitskräfte, die wegen Drogenmissbrauchs im Gefängnis sitzen, zu entkriminalisieren. Daneben bräuchten die USA höhere Standards in der Sekundarschule, müssten massiv in die Vorschulbildung investieren und die Ausbildungskosten senken. In Kanada und auch in Deutschland sehe man die Erfolge solcher Maßnahmen. (jg)