"Statt weiterhin das auf deutscher Wirtschaftsideologie basierende fehlgeleitete und konventionelle Denken zuzulassen, das effektive Maßnahmen verhindert, muss die EZB eine quantitative Lockerung 'für die Menschen' verfolgen", schreibt John Muellbauer, Professor für Ökonomie an der Universität Oxford und Senior Research Fellow am Institute for New Economic Thinking der Oxford Martin School, in einem Kommentar für das Online-Portal "Project Syndicate". Und er weiß auch wie: Die Europäische Zentralbank (EZB) soll den Einwohnern der Eurozone einmalig 500 Euro überweisen, um die Deflation rückgängig zu machen und den Euroraum wieder auf Kurs zu bringen.

Bisherige Geldpolitik hat kaum etwas gebracht
Nach Ansicht von Muellbauer werden sinkende Energie- und Rohstoffpreise die jährliche Inflationsrate in der Eurozone bis Jahresende unter null drücken – und damit deutlich unter den Zielwert der EZB von zwei Prozent. Die bisherige Geldpolitik habe für die Länder der Eurozone kaum etwas gebracht – und mit der quantitativen Lockerung nach US-amerikanischer Art wird es genauso sein, schreibt der Oxford-Professor. Grund dafür sei, dass die Kapitalmärkte bei der Kreditvergabe in der Eurozone (wo die Banken wichtiger sind) einen viel geringeren Beitrag leisten würden als in den USA. Daher habe in Europa eine Senkung der Zinsen für Staats-, Unternehmens- und forderungsbesicherte Anleihen eine geringere Wirkung.

Das 500-Euro-Geschenk würde die Wirtschaft der Eurozone nicht nur aus der Deflation befreien, sondern hätte auch enorme politische Vorteile, ist Muellbauer überzeugt. Mit dieser Aktion könnte man nämlich auch die ablehnende Haltung – speziell jene der Krisenländer – gegenüber den EU-Institutionen abbauen und somit der Zunahme extremer nationalistischer Tedenzen entgegenwirken.

Vorbild USA im Jahr 2001
Muellbauer orientiert sich an den USA im Jahr 2001, als die Sozialversicherung für rund zwei Drittel der Amerikaner eine Rückerstattung in Höhe von 300 US-Dollar pro Person ausschüttete. In Folge erhöhten sich die Ausgaben um etwa 25 Prozent des ausgezahlten Betrages. Vergleicht man dies mit rund 90 Prozent der zirka 275 Millionen Erwachsenen der Eurozone mit Sozialversicherungsnummern in den Wahlregistern, könnte ein EZB-Scheck von 500 Euro die Ausgaben um rund 34 Milliarden Euro oder 1,4 Prozent des BIP steigern. Und die dadurch erzielten zusätzlichen Steuereinnahmen könnten die Haushaltsdefizite maßgeblich verringern.

Der Ökonom ist sich im Klaren darüber, dass sein unkonventioneller Vorschlag bei einigen Ländern – insbesondere Deutschland – mit dem Hinweis auf Besonnenheit und Verantwortung auf Widerstand stoßen wird. Doch nach Jahren des Sparens und der Arbeitslosigkeit sei es höchst an der Zeit, ein Programm der quantitativen Lockerung umzusetzen, das bringt, was Europa braucht.

Idee stammt aus den 1960er-Jahren
Ganz neu ist Muellbauers Idee allerdings nicht: Bereits in den 1960er-Jahren schlug US-Ökonom Milton Friedman zur Deflationsbekämpfung vor, notfalls Geld aus dem Helikopter abzuwerfen. Es gibt jedoch auch in diesen Tagen Kollegen von Muellbauer, die sogar noch deutlich weiter gehen: So fordern der US-Wirtschaftsprofessor Mark Blyth und der deutsche Berater Daniel Stelter laut einem Bericht der österreichischen Tageszeitung "Kurier" sogar 5.000 Euro für jeden Bürger der Eurozone. (mb)