Wer soll die beruflichen Rahmenbedingungen bis 2020 mitgestalten? Wer soll künftig für meine Rechte auf Länder-, Bundes- und EU-Ebene kämpfen? Das sind die zentralen Fragen, um die sich die Kammerwahlen von 23. bis 26. Februar 2015 drehen und worüber sich bis dahin mehr als 6.100 wahlberechtigte gewerbliche Vermögensberater, Wertpapiervermittler et cetera im Fachverband Finanzdienstleister klar werden müssen.

Die Kräfteverhältnisse in den neun Kammern sind klar: Der Wirtschaftsbund kam 2010 österreichweit auf mehr als 70 Prozent aller Stimmen und konnte selbst in Wien (50,3 %) wieder die absolute Mehrheit erringen. Zweitstärkste Kraft war mit 11,5 Prozent der Stimmen der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband. Die Wahlbeteiligung brach dagegen schwer ein: Nur vier von zehn Unternehmer gingen zu den Urnen – 2005 waren es noch 48 Prozent gewesen.

FONDS professionell ONLINE hat alle wahlwerbenden Gruppen um ihre Programme und Positionspapiere im Bereich Finanzdienstleister gebeten. Darin finden sich Gemeinsamkeiten, wie beispielsweise in der Frage "Honorar statt Provision?", aber auch viele unterschiedliche Standpunkte. Ein wiederkehrendes Streitthema ist die gesetzliche Pflichtmitgliedschaft, an der sich insbesondere die unabhängigen Listen stoßen.


Eine vollständige Auflistung aller Gruppierungen inklusive Listenführer und Anzahl der Mandatare finden Sie hier.


Honorar statt Provision?
Ein zentraler Punkt im Programm aller Gruppierungen ist das Fortbestehen einer provisionsbasierten Beratung. Zur Erinnerung: Die Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA möchte die Wertpapierrichtlinie MiFID-2 strenger auslegen als vom Parlament beschlossen, und besteht auf einen sogenannten Quality Enhancement Test. Frei übersetzt: Um Provisionen vereinnahmen zu dürfen, müssen diese nachweislich und dauerhaft die Qualität der Dienstleistung für Konsumenten anheben.

Der Wirtschaftsbund hat sich im Fall einer Wiederwahl eine "praxisgerechte" Umsetzung und die Beibehaltung jeder Form der Vergütung zum Ziel gesetzt. Der Sozialdemokratische Wirtschaftsverband (SWV) fordert "Entscheidungsfreiheit für den Kunden". "Kunden sollen sich frei entscheiden können, in welcher Form sie Beratung in Anspruch nehmen", so Oliver Walla, Spitzenkandidat der SWV in Wien.

In den Tenor zum Erhalt der Provisionsordnung stimmen auch die freiheitlichen, grünen und unabhängigen Listen ein. Im Forderungskatalog der Neos-Liste UNOS, die als "Unternehmerisches Österreich" zum ersten Mal bei der Wirtschaftskammerwahl antreten wird, findet sich dazu lediglich folgender Hinweis: "Die Beratung und Vermittlung von übertragbaren Wertpapieren sowie von Investmentfonds- und Immobilienfondsanteilen soll jedem qualifizierten Finanzdienstleister ohne Haftungsdach, aber mit einer Haftpflichtversicherung möglich sein."

Die Grüne Wirtschaft fordert darüber hinaus eine Novellierung des Alternative Investmentfonds Manager (AIFM)-Gesetzes. Der Tiroler Mandatar Dominique Niederkofler kritisiert vor allem die Einführung der Mindestinvestitionssumme von 100.000 Euro, wodurch der Zugang privater Investoren zu Beteiligungsfonds massiv erschwert worden ist. Niederkofler warnt vor eine Abwanderung junger, innovativer Unternehmen in das Ausland.

Allgemeine Finanzbildung
Eine Frage der Seriosität ist für die Mehrheitsfraktion das Thema "Allgemeine Finanzbildung". "Je mehr die Österreicher verstehen, wie wichtig eine richtige Ausrichtung der eigenen Finanzen ist, desto mehr werden unsere Dienstleistungen auch in Zukunft gefragt sein", so Fachverbandsobmann Wolfgang Göltl.

Das Unabhängige Wirtschaftsforum mit Rudolf Mittendorfer als Obmann und Sprecher weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Ausbildung und Prüfungsordnung österreichweit transparent sein müssen und im Einfluss der Standesvertretung (sowohl das niederösterreichische IFP – Institut für Finanzplanung als auch die Wiener FAF – Fachakademie für Finanzdienstleister sind als private Vereine organisiert). Die UNOS setzen früher an und möchten mit einem Schulfach "Entrepreneurship" mehr Wirtschaftspraxis im Unterricht vermitteln. "Die praxisnahe, verständliche Vermittlung von Wirtschafts- und Finanzthemen gehört in den Unterricht", lautet ihr Standpunkt, während die Grünen einen weiteren Ausbau der kostenlosen Weiterbildung im Rahmen der Mitgliedsbeiträge fordern.

Abgrenzung der Berufsgruppe
Um der Berufsgruppe ein neues, besseres Image zu verpassen, sehen viele kleinere Gruppen neben der Finanzbildung auch die Schaffung eines klaren Berufsbildes als Hauptaufgabe. Mittendorfer fordert in diesem Zusammenhang die "Entfernung jener Berufsgruppen, die offenbar als Stimmenbringer geholt wurden", denn: "9 Berufsgruppen bei den Finanzdienstleistern machen jedes Marketing und jede Identifikation unmöglich." Die vom Wirtschaftsbund als imagebildende Maßnahme eingeführten Standesregeln seien dagegen "nebulos", "ohne Biss" und "außerhalb der üblichen Rechtsstaatlichkeit".

Die Interessengemeinschaft Unabhängige Finanzdienstleister – UFDL, die in Nieder- und Oberösterreich kandidieren, sieht das ähnlich. Sie kämpft für einen "qualifizierten und anerkannten Berufsstand mit klaren Berufsbildern und rechtlich abgesicherten Standesregeln". Die Politik der momentan aktiven Interessenvertretung würde die Qualität nicht verbessern. "Die fortgesetzte Anbiederung und unqualifizierte Mitgliederheische von Strukturbetrieben steht dem entgegen und schadet weiterhin unserem Berufsstand", so Spitzenkandidat Walter Eberl.

Die meisten anderen Gruppen sehen in der Abgrenzung der Berufsgruppe gegenüber anderen Marktteilnehmern die Banken als Gegenspieler: "Gerade unabhängige Berater betreuen ihre Kunden neutral und kompetent über viele Jahrzehnte hinweg. Dieser Berater wünschen sich zu Recht eine stärkere Abgrenzung zum Bankenvertrieb und eine Betonung ihrer Leistungen und Kompetenzen", so die Vertreter der UNOS. Matthias Krenn, Bundesobmann der Wählergruppe Freiheitliche Wirtschaft/Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender (RfW) will jene Finanzdienstleister stärker unterstützen, die "konzeptionelle und institutsunabhängige Beratungen" durchführen.

Einen Schritt weiter geht Grünen-Mandatar Niederkofler. Der gesellschaftliche Wandel und das zyklische Ende des Sparbuches ließen den Ruf nach unabhängiger Beratung zwar immer lauter werden, sagt er. Für Kunden sei der ideale Berater aber oft schwierig zu finden. Darum setzt sich der Tiroler seit Jahren für ein Beratertool ein, über das Berater ihre Leistungen präsentieren können. Kunden können über die Software nach einem geeigneten Berater suchen und im Direktchat Fragen stellen.

Kritik am Kammersystem
Mit ihren Forderungen nach einem Ende der gesetzlichen Mitgliedschaft betreten das Unabhängige Wirtschaftsforum, die Liste UFDL und die UNOS bewusst populistisches Minenfeld. "Eine starke Wirtschaftskammer braucht keinen Zwang. Die Wirtschaftskammer muss durch Leistung überzeugen", so die UNOS, deren Plan vorsieht, dass ab 2019 zunächst die Ein-Personen-Unternehmen (EPU) und in der Folge alle Unternehmen frei entscheiden können, ob sie in einer reformierten Kammer weiterhin Mitglied sein wollen.

Mittendorfer fordert unterdessen faire Wettbewerbsbedingungen und ein modernisiertes Wahlsystem, das kleine Gruppen gleichberechtigt, sowie variable Grundumlagen. Mehr Mitsprache für die "Kleinen" lautet auch das Credo der Sozialdemokraten. "Die Mandate im Wirtschaftsparlament müssen die Zahl der EPU widerspiegeln." EPU stellen mit 57 Prozent der heimischen Betriebe gut die Hälfte aller Kammermitglieder dar, seien aber in der Kammer laut SWV nicht entsprechend vertreten.

Der SWV setzt sich außerdem – ähnlich wie der RfW – für einen schnellen Bürokratieabbau ein: "Auffällige Ineffizienz zeigt sich bei Gewerbezugänge durch die Bezirkshauptmannschaften. Deren Einteilung scheint auf reiner Willkür zu basieren, da diese selbst unter der enormen Bürokratielast unterzugehen drohen", sagt Walla, Listenführer in Wien.

Crowdfunding & Co.
Neu ist das Thema "alternative Finanzierungsformen". Über die Fachverbands-Homepage werden dazu Checklisten für Berater angeboten. Die Grüne Wirtschaft will laut Wahlprogramm in Zukunft die Weichen für die Beratung und Vermittlung von "alternativen nachhaltigen Finanzierungsformen" wie Crowdfunding, Peer-to-Peer-Kredite, Micro Finance, Cloud Lending oder Neo-Banking stellen. Ob sie die Chance bekommt, in diese Richtung aktiv zu werden, sehen wir, wenn am 27. Februar die Wahlergebnisse verlautbart werden. (dw)