Die Europäische Zentralbank wertet ihr Quantitative-Easing-Programm als durchschlagenden Erfolg und verstärkt nun ihre Maßnahmen, um Europas Inflationsrate in Richtung der magischen Zwei-Prozent-Marke zu hieven. Der Leitzins bleibt unverändert bei rekordniedrigen 0,05 Prozent.

Auf ihrer Sitzung am Donnerstagnachmittag entschieden die Euro-Währungshüter außerdem, ihr Staatsanleihekaufprogramm von September 2016 bis mindestens März 2017 zu verlängern. Außerdem behalten sich die EZB-Entscheider die Option vor, in das Programm auch Schuldtitel von regionalen und lokalen Regierungen einschließen.

Die unmittelbaren Marktreaktionen – der Dax stürzte um drei Prozent ab, wohingegen der Euro um 3 Cents auf 1,09 Dollar zulegte  – deuten an, dass Beobachter mehrheitlich wohl mit noch durchgreifenderen Aktionen gerechnet hatten. Auch die Manöverkritik diverser Investmentexperten fällt eher durchwachsen aus, wie unser Überblick zeigt.

Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse, Baader Bank:
"Die Finanzmärkte sind von den letzten Entscheidungen der EZB offensichtlich enttäuscht. Die Marktenttäuschung hat EZB-Präsident Draghi sich selbst zuzuschreiben. Er und sein Chef-Volkswirt wurden in den letzten Wochen nicht müde, eine noch großzügigere Geldpolitik in Aussicht zu stellen. Wer mehr verspricht als er hält, darf sich über Enttäuschungen nicht wundern. Draghi dürfte im letzten Moment kalte Füße bekommen haben und wollte sich vom Markt nicht vorführen lassen, auch wenn er diesem die Wurst wie einem Hund vor die Nase gehalten hat.

Sehr fatal zeigt sich aber auch, dass die Geldpolitik zum alles beherrschenden Einflussfaktor für die Finanzmärkte geworden ist. Sie sind vom billigen und üppigen Geld abhängig wie der Drogenabhängige vom nächsten Schuss. Jede noch so kleine geldpolitische „Enttäuschung“ - auch wenn die Expansion weniger expansiv ausfällt als erwartet - wird bestraft. Ohne „happy central banking“ zeigen die Aktien- und Rentenmärkte unverhohlen Missstimmung und schwächen damit die fundamentalen Aufwärtskräfte noch mehr."

Daniel Hartmann, Senior Analyst Economics, Bantleon:
Mario Draghi hatte im Vorfeld der EZB-Sitzung sehr hohe Erwartungen geweckt. Noch vor zwei Wochen (anlässlich einer Rede vor dem Bankenkongress in Frankfurt) wies er nachdrücklich auf die Gefahr zu niedriger Teuerungsraten für zu lange Zeit hin. Die Preissteigerungsrate müsste daher so schnell wie möglich zum Inflationsziel zurückgeführt werden. Um dies zu erreichen, stünde dem EZB-Rat die gesamte Maßnahmenpalette zur Verfügung – einschließlich einer Ausweitung des QE-Programms und einer Senkung der Leitzinsen.

Keine Frage: Draghi ist im Vorfeld zu weit vorgeprescht. Offensichtlich war der Wiederstand im EZB-Rat gegen den ganz großen Wurf zu stark. Der Notenbankpräsident musste aber auch dem wirtschaftlichen Umfeld Tribut zollen. Im Vergleich zu Oktober wurde den konjunkturellen Abwärtsrisiken im offiziellen Statement weniger große Bedeutung beigemessen. Stattdessen wurde der Fortgang der zyklischen Erholung anerkannt.

Was die künftige Geldpolitik anbetrifft, ist die Lage nicht einfacher geworden. Wir rechnen zwar bis Mitte 2016 mit einer Fortsetzung der zyklischen Erholung, sodass im Grund keine zusätzlichen geldpolitischen Impulse erforderlich sind. Dennoch reicht nunmehr bereits ein kleiner Rückschlag aus, um die Währungshüter erneut auf den Plan zu rufen. Im 2. Halbjahr 2016 nimmt die Wahrscheinlichkeit weiterer expansiver Massnahmen ohnehin zu – dann dürfte sich das konjunkturelle Umfeld wieder eintrüben."

Salman Ahmed, Global Strategist, Lombard Odier Investment Managers:
"Nachdem zuvor die Erwartungen bezüglich einer weiteren starken Dosis geldpolitischer Lockerung nach oben geschraubt wurden, lieferte Mr. Draghi gestern bei allen Schlüsselgrößen seiner geldpolitischer Maßnahmen (Größe, Laufzeit und Zinsen) zu wenig. Die negative Lesart ist, dass vielleicht der von der Bundesbank geführte Teil im EZB-Rat Draghis Hände dazu zwang, diese Anpassungen vorzunehmen. Während die freundlichere Lesart ist, dass er lediglich seine  Munition für später trocken hält. Die ökonomische Realität der Disinflation jedenfalls bleibt bestehen, und wenn die Verschärfung in den Finanzierungsbedingungen, die wir seit gestern gesehen haben, anhält, würde das Inflationsbild weiter beschädigt. Wir gehen davon aus, dass wir weitere Lockerungsmaßnahmen in der Eurozone sehen werden, aber sind jetzt aktiv dabei, den Zustand der Politik im EZB-Rat neu zu bewerten."

Frank Engels, Leiter Rentenfondsmanagement bei Union Investment:
"Die EZB gibt Gas – aber deutlich weniger als erwartet. Vor allem gab es keine Ausweitung des monatlichen Ankaufvolumens – das hat die Märkte klar enttäuscht. Dennoch: Der Schritt läutet das Auseinanderlaufen der Geldpolitik der wichtigsten Zentralbanken ein, da die US-Notenbank Fed bald den Startschuss für die Zinswende geben wird. Die Zurückhaltung der EZB erleichtert der Fed den Umschwung sogar noch, da der Aufwertungsdruck auf den US-Dollar nachlässt.

Diese Divergenz – also Fed sanft auf der Bremse, EZB leicht auf dem Gas – ist historisch betrachtet äußerst selten und kann zu Schwankungen an den Kapitalmärkten führen. In Anbetracht der hohen Markterwartungen im Vorfeld sind die heute beschlossenen EZB-Maßnahmen keine gute Nachrichten für den europäischen Rentenmarkt, sowohl bei sicheren Staatsanleihen als auch bei Papieren mit Renditeaufschlag. Für die Aktienmärkte ist das Paket zunächst einmal nicht der erhoffte Kursbeschleuniger. Aber: Wenn die erste Enttäuschung nachlässt, werden die positiven Äußerungen Draghis zur europäischen Konjunktur auch ihre unterstützende Wirkung auf den Aktienmarkt nicht verfehlen. Der Euro dürfte von der schwächer als erwarteten Lockerung temporär profitieren."

Jens Klatt, Chefanalyst von DailyFX:
"Der EZB-Präsident hat die Erwartungshaltung des Marktes nach mehr Liquidität in der jüngeren Vergangenheit stets befriedigt. Nur nicht heute. Ist ein Crash im DAX damit unausweichlich und gleichzeitig das Erreichen der Parität im EUR/USD vom Tisch? Nein, definitiv nicht. Die EZB wird weiter geldpolitisch liefern, auch mit Aussicht auf eine weitere Schwächung des Euros und des Ankurbelns der Inflation in der Euro-Zone.

Das, was wir gerade zu sehen bekommen ist eine Art "Bäume schütteln": All diejenigen, die den so klaren Fall in Richtung und unter die Parität im Euro zum US-Dollar und gleichzeitig einen Sturm des Dax in immer höhere Höhen als so klar erachtet haben, werden nun aus ihren Träumen und so sicheren „Wetten“ gerissen."

Ulrike Jäger, Leiterin Portfoliomanagement bei Sal. Oppenheim:
"Mittelfristig wird der Aktienmarkt profitieren. Die liquiditätsgetriebene Hausse geht weiter. Zudem bleiben Dividendentitel schon allein aufgrund des Mangels an Alternativen im Rentenbereich relativ attraktiv. Europäische Unternehmensanleihen profitieren indirekt. Auch wenn dieses Anleihen-Segment nicht direkt von der EZB gekauft wird, sind sie eine Kauf-Alternative zu euroländischen Staatsanleihen und Pfandbriefen. Die ausgeweitete Geldpolitik wird sich daher auch im Bereich der Unternehmensanleihen positiv auswirken."

Jan Holthusen, Leiter Zins- und Anleihenresearch der DZ Bank:
"Die Kapitalmärkte haben sich enttäuscht gezeigt. Man hatte mehr erwartet, und das ist kein Wunder, da die EZB bei ihren Entscheidungen in den vergangenen Monaten immer mehr gemacht hatte, als sie vorher angedeutet hatte. Die Entscheidung, den Katalog der Anleihen, die die EZB kauft, auszuweiten, ist konsequent. Doch der Druck auf die EWU-Mitgliedstaaten, strukturelle Reformen zu beschließen und umzusetzen und die Staatsfinanzen auf eine nachhaltige Basis zu stellen, nimmt durch die heutigen Entscheidungen jedoch weiter ab Die EZB hat sich mit ihrer Kommunikationspolitik in eine Sackgasse manövriert. Egal, was sie tut. Sie kann fast nur noch enttäuschen."

Patrick O’Donnell, Investmentmanager bei Aberdeen Asset Management:
"Draghi hat zu viel versprochen und weniger geliefert. Wieder hatte jeder erwartet, dass er der weiße Ritter für Europa sein wird, doch das hat er nicht wirklich gezeigt. Die jetzigen Maßnahmen laufen eher darauf hinaus, kosmetische Korrekturen vorzunehmen. Doch wenn die EZB nicht mehr präventive Maßnahmen ergreift, ist es umso wichtiger, dass europäische Politiker die Reformen ihrer Wirtschaften vorantreiben. Unglücklicherweise haben nur sehr wenige europäische Führungspersönlichkeiten den Mut, für die Reformen zu kämpfen, die ihre Länder bräuchten."

Franck Dixmier, Globaler Anleihenchef von Allianz Global Investors:
"Auch wenn die Märkte mit Enttäuschung reagiert haben, sind die von Mario Draghi bekanntgegebenen Entscheidungen eigentlich gute Nachrichten. Sie zeigen, dass die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik an ein verändertes makroökonomisches Umfeld angepasst hat. So haben die wesentlichen Argumente, die Ende September für eine weitere Lockerung der Geldpolitik ins Feld geführt wurden, insbesondere die Furcht vor einer abrupten Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China und die Unsicherheit im Hinblick auf eine mögliche Zinswende in den USA, an Relevanz eingebüßt. Mit ihrer heutigen Ankündigung vollzieht die EZB nicht nur eine logische Anpassung, sondern erhält sich gleichzeitig alle Handlungsoptionen für die kommenden Monate offen."

Thomas Böckelmann, Investmentchef bei EuroSwitch:
"Die Notenbanken agieren immer mehr nach eigenen Gesetzen. Insbesondere die Europäische Zentralbank wird mittlerweile von zahlreichen Rechtsgelehrten als Institution betrachtet, die ohne demokratisch legitimiertes Mandat den Kern der Europäischen Währungsverfassung – das Verbot monetärer Staatsfinanzierung – ignoriert. Die Maßnahmen der EZB werden von einem Pragmatismus getrieben, der angesichts politischer Konzeptlosigkeit im Umgang mit den strukturellen Problemen der Währungsunion leider notwendig scheint. Dabei entsteht die Gefahr, dass die EZB ihre Unabhängigkeit verliert. Sie ist gefangen zwischen politischen Interessen und Unterlassungen einerseits und den selbst geschürten Kapitalmarkterwartungen andererseits.

Die Einschätzung renommierter Volkswirte, dass das Experiment „Euro“ gescheitert sei, wird durch die heutige Entscheidung, den Einlagenzins von -0,2% auf -0,3% weiter zu senken, nicht entkräftet. Die Fehlallokation des Kapitals durch den Wegfall des Zinsregulativs wird dringend nötige Zukunftsinvestitionen weiter verhindern. Bereits heute zeigt sich, dass Unternehmen lieber billiges Geld aufnehmen um eigene Aktien zurückzukaufen statt neue Projekte zu erschließen. Sparer sparen mehr statt zu konsumieren. Auch die Ausweitung des Staatsanleihekaufprogramms darf nicht als förderliche Maßnahme auf dem Weg der Vertrauensbildung betrachtet werden – wird doch auf diese Weise der Reformstau nur länger. Vielmehr werden auch schlecht wirtschaftende Länder mit negativen Zinsen belohnt – das heißt Finanzminister bekommen sogar noch Geld für die Kreditaufnahme. Aktuell sind bereits 2.000 Milliarden Euro an Staatsanleihen negativ verzinst – Tendenz steigend. Nur die US-Notenbank scheint am 16. Dezember mit einer potentiellen Zinserhöhung den Weg zurück in die Normalität einleiten zu wollen.

Angesichts fehlender Aussichten auf die politische Umsetzung struktureller Reformen ist das heute verkündete Maßnahmenpaket nur ein weiteres Dokument der Ratlosigkeit und der zunehmenden Zerstrittenheit unter den Euroländern. Die zwischen den Währungsregionen US-Dollar und Euro entstehenden Zinsdifferenzen werden die Volatilität an den Weltfinanzmärkten erhöhen. Mehr Risiko ist die Schattenseite des Elixiers „Liquidität“." (fp)