Das Chicagoer Rating- und Datenanalysehaus Morningstar hat beträchtlichen Einfluss auf die Fondswelt. Ein positives Urteil kann einem Portfoliomanager einen Geldsegen bescheren. Senken die Analysten jedoch den Daumen, ziehen Anleger in Scharen ihr Geld wieder ab. Solange dies eine Ratinggesellschaft tut, gibt es daran aber wenig zu kritisieren. Mutiert ein solches Unternehmen aber zum Vermögensverwalter, wird es heikel. Entsprechend misstrauisch beäugt die Branche den neuesten Vorstoß von Morningstar. Die Amerikaner machen einen klaren Schritt in Richtung Investmentmanagement.

Der Gründer und langjährige Unternehmenslenker Joe Mansueto hat Kunal Kapoor, seinem Nachfolger an der Firmenspitze, beim Stabwechsel zu Jahresbeginn die Mission mitgegeben, das Investmentgeschäft des Hauses auszubauen. Morningstar soll nicht mehr nur Hilfswerkzeuge für die Verwaltung von Vermögen bereitstellen, sondern selbst Geld betreuen. Dabei will das Haus allerdings nicht zwingend als klassischer Kapitalverwalter, sondern eher als Portfolioberater auftreten. Die Expansion läuft bislang vorwiegend in den USA und Großbritannien, dennoch ist die Stoßrichtung klar, und erste Angebote sind auch hierzulande schon zu finden.

Ernst zu nehmende Konkurrenz
Die Branche wittert bereits einen neuen, ernst zu nehmenden Konkurrenten. Manch altgedienter Manager reagiert empört und erhebt rasch den Vorwurf eines Interessenkonflikts: Das Haus urteile über Finanzprodukte, denen es nun Konkurrenz macht. Dieser potenzielle Konflikt ist gewiss nicht von der Hand zu weisen. Mansueto und Kapoor können dem nur entgegenhalten, dass die zwei Abteilungen strikt voneinander getrennt arbeiten würden. Dass solche "Chinese Walls" in der Praxis mitunter durchlässig sind, ist bekannt. Genauso klar ist aber auch, dass in der Bank- und Fondswelt ebenfalls mannigfaltige Interessenkonflikte lauern.

Vom Schiedsrichter zum Mitspieler
Dass ein weiterer Akteur in die ohnehin schon dicht besetzte Asset-Management-Liga einsteigt, mag für die Industrie unangenehm sein, dennoch ist ein neuer Mitspieler ein vergleichsweise geringes Problem. Ein zwar mit hoher Kompetenz, aber zumindest in Europa nur mit geringer Vertriebsmacht ausgestatteter Akteur wie Morningstar wird keinen Verdrängungswettbewerb lostreten. Der droht eher von anderer Seite: Die Branche steht vor Umwälzungen durch übergeordnete Trends wie Regulierung, Digitalisierung, den Aufstieg passiver Produkte sowie sinkende Erlöse bei steigenden Kosten.

Die Frage ist vielmehr, ob sich Morningstar mit der Wandlung vom Schiedsrichter zum Mitspieler selbst einen Gefallen tut. Denn es ist eine Sache, einen Geldverbrenner nicht erkannt und Anleger rechtzeitig gewarnt zu haben. Eine ganz andere Sache ist es, selbst Geld zu verbrennen. Bei aller Kompetenz des Hauses: Früher oder später werden auch Morningstar-Portfolios Verluste einfahren. Aberdeen-Chef Martin Gilbert hat es mit Blick auf global agierende, vertriebsmächtige Konzerne wie Amazon, Apple oder Google einmal treffend so formuliert: "Der Einstieg in das Finanzgeschäft ist der beste Weg, selbst den Ruf der tadellosesten Marke zu ruinieren."


Welche Ausbaupläne Morningstar hegt und welche Produkte schon im Angebot sind, lesen Sie in der neuen Heftausgabe 1/2017 von FONDS professionell oder im E-Magazin (KLUB-Anmeldung erforderlich).