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05.01. | 2016

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Carmen Reinhart: Ein Jahr der Staatspleiten?

© Bloomberg

Carmen Reinhart: "Zu Beginn des Jahres 2016 gibt es nun klare Anzeichen für wachsende Schuldenprobleme und Zahlungsunfähigkeiten. Bereits jetzt sind die ersten Schaumkronen auf den Wellen sichtbar."

Nach Ansicht der prominenten Harvard-Ökonomin Carmen Reinhart droht den Entwicklungs- und Schwellenländern – aus historischer Perspektive betrachtet – eine große Krise.

Carmen Reinhart ist Professorin an der Harvard University's Kennedy School of Government und zählt zu den meistzitierten Wirtschaftswissenschaftlern weltweit. Sie publizierte unter anderem gemeinsam mit ihrem Harvard-Kollegen Kenneth Rogoff kurz nach Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2010 ein aufsehenerregendes Standardwerk zur Geschichte ausufernder Staatsschulden (deutscher Titel: "Dieses Mal ist alles anders – acht Jahrhunderte Finanzkrisen"). Lesen Sie im Anschluss ihren Original-Kommentar.


Was Staatsschulden angeht, wird der Begriff der "Pleite" oft missverstanden. Dies bedeutet fast nie die vollständige und dauerhafte Nichtanerkennung der gesamten Schuldenlast. Sogar einige Anleihen aus der russischen Zarenzeit wurden nach der Revolution von 1917 schließlich (wenn auch nur teilweise) zurückgezahlt. Statt dessen zieht eine Nichtzahlung, oder bei privaten Gläubigern laut der Definition der Rating-Agenturen ein "Zahlungsverzug", normalerweise Gespräche über eine Umschuldung nach sich, in der es um Laufzeitverlängerungen, Aussetzung von Zinszahlungen, Zahlungsaufschübe oder Schuldenschnitte (so genannte "Haircuts") gehen kann.

Wenn man die Erfahrungen der Vergangenheit berücksichtigt, könnten 2016 viele solcher Gespräche nötig sein.

Wie so viele andere weltwirtschaftliche Phänomene neigen Kreditaufnahme und Pleiten dazu, in Zyklen abzulaufen. Seit 1800 gab es in der Weltwirtschaft einige solcher Zyklen, wobei der Anteil einzelner Länder, in denen es eine Umschuldung gab, in jedem einzelnen Jahr zwischen Null und 50 Prozent schwankte (wie in der Abbildung dargestellt). Zwar gab es auch immer wieder Bankrott-"Flauten" von einem oder zwei Jahrzehnten Dauer, aber auf jede ruhige Phase folgte unweigerlich eine neue Welle von Zahlungsunfähigkeit.

Der jüngste Pleitenzyklus umfasst die Schuldenkrisen der Entwicklungs- und Schwellenländer der 1980er und 1990er Jahre. Die meisten Länder konnten ihre Auslandsschuldenprobleme bis Mitte der 1990er lösen, aber ein erheblicher Anteil von Ländern der untersten Einkommensgruppe befindet sich gegenüber ihren öffentlichen Kreditgebern weiterhin in chronischem Verzug.

Wie auch bei tatsächlichem Bankrott und der Umstrukturierung von Schulden bei öffentlichen Gläubigern werden solche Zahlungsverzüge oft unter den Teppich gekehrt, da sie meist arme Schuldner und relativ geringe Dollarbeträge betreffen. Aber dies verringert nicht ihr Potenzial, zur Auslösung einer neuen Krise beizutragen, wenn beispielsweise Länder, die ihre Schulden nie wirklich im Griff hatten, plötzlich nachteiligen weltwirtschaftlichen Bedingungen ausgesetzt sind.

Und tatsächlich spielen solche Bedingungen – wie Preisschwankungen bei Rohstoffen und Veränderungen der Zinssätze großer Wirtschaftsmächte wie der Vereinigten Staaten oder China – bei der Auslösung von Staatsschuldenkrisen eine große Rolle. Wie meine jüngste Arbeit mit Vincent Reinhart und Christoph Trebesch zeigt, sind Hoch- und Tiefpunkte im internationalen Kapitalflusszyklus besonders gefährlich. Immer am Ende einer Periode stark vermehrter Kapitalflüsse häufen sich dann die Pleiten.

Zu Beginn des Jahres 2016 gibt es nun klare Anzeichen für wachsende Schuldenprobleme und Zahlungsunfähigkeiten. Bereits jetzt sind die ersten Schaumkronen auf den Wellen sichtbar.

In einigen Staaten besteht das Hauptproblem in den internen Schuldendynamiken. Die Lage in der Ukraine ist sicherlich brenzlig, aber angesichts der besonderen Einflussfaktoren sollte man aus den dortigen Umständen keine allgemeinen Schlüsse ziehen.

Die Situation in Griechenland hingegen ist nur allzu vertraut. Die Regierung hat so lange Schulden angehäuft, bis die Last nicht mehr tragbar war. Als diese Exzesse immer offensichtlicher wurden, hörten die Kredite auf zu fließen, woraufhin die bestehenden Schulden nicht mehr bedient werden konnten. Im letzten Juli erklärte Griechenland im Rahmen hochbrisanter Verhandlungen mit seinen öffentlichen Gläubigern – der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds – seine Unfähigkeit, seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem IWF nachzukommen. Damit ist das Land der erste Industriestaat, der dies getan hat – und bis jetzt der einzige.

Aber wie es so oft der Fall ist, war dies kein völliger Staatsbankrott, sondern eher ein Schritt hin zu einer neuen Einigung. Die europäischen Partner Griechenlands erklärten sich schließlich einverstanden, zusätzliche Mittel zur Verfügung zu stellen – gegen ein Versprechen der Regierung des griechischen Premierministers Alexis Tsipras, schwierige Strukturreformen und tiefe Haushaltseinschnitte vorzunehmen. Leider scheint es, dass die griechische Schuldenkrise durch diese Maßnahmen nicht gelöst wurde, sondern nur verzögert.

Eine weitere stark gefährdete Volkswirtschaft ist das Gemeinwesen von Puerto Rico, das dringend eine umfassende Restrukturierung seiner Staatsschulden in Höhe von 73 Milliarden US-Dollar benötigt. Die aktuellen Vereinbarungen über eine teilweise Umschuldung sind nur der Anfang, da sie noch nicht einmal ausreichen, sicher einen Bankrott zu verhindern.

Allerdings muss bemerkt werden, dass ein solches "Kreditereignis" zwar ein großes Problem sein kann, aber dessen externe Folgen von den Kreditgebern möglicherweise überschätzt werden. Sie warnen gern, Puerto Rico sei zwar kein Staat, sondern ein Gemeinwesen, aber seine Unfähigkeit zum Schuldendienst könne trotzdem ein schlechtes Beispiel für US-Bundesstaaten und Gemeinden sein.

Aber ein solches Beispiel wurde schon vor langer Zeit gegeben. In den 1840ern haben neun US-Staaten aufgehört, ihre Schulden zu bedienen. Einige von ihnen einigten sich auf eine vollständige Zurückzahlung, andere handelten Nachlässe aus, und wieder andere weigerten sich strikt, Teile ihrer Schulden zu begleichen. In den 1870ern gingen weitere elf Staaten bankrott. Im Fall von West Virginia dauerte die Zahlungsunfähigkeit und die Umschuldung bis 1919 an.

Einige der größten Risiken liegen bei den Entwicklungs- und Schwellenländern, die am stärksten unter den Veränderungen der weltweiten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen leiden. Während Chinas Infrastruktur-Boom hat das Land enorme Mengen Rohstoffe importiert. Dies führte zu steigenden Preisen und stärkerem Wachstum der Rohstoffexporteure aus aller Welt, darunter großer Schwellenländer wie Brasilien. Gemeinsam mit der verstärkten Kreditaufnahme in China und enormen Kapitalzuflüssen aufgrund niedriger US-Zinsen wurde so das Wachstum in diesem Ländern nach oben getrieben. Dieses schnelle Wachstum wurde durch die weltweite Wirtschaftskrise von 2008-2009 zwar unterbrochen, aber nicht völlig aus der Bahn geworfen, und so konnten die Entwicklungs- und Schwellenländer bis Anfang 2013 ein ungewöhnlich krisenfreies Jahrzehnt genießen.

Aber die Entscheidung der US-Federal-Reserve, die Zinsen zu erhöhen, das schwächere Wachstum (und damit die geringeren Investitionen) in China sowie fallende Öl- und Rohstoffpreise brachten den Boom der Kapitalzuflüsse zum Stillstand. In jüngster Zeit kamen die Währungen vieler Entwicklungs- und Schwellenländer stark ins Rutschen, was die Kosten der Begleichung ihrer externen Dollarschulden in die Höhe trieb. Die Einnahmen der öffentlichen Hand aus den Exporten gingen zurück, und dies führte zu immer größeren Leistungsbilanz- und Haushaltsdefiziten. Fast überall haben sich Wachstum und Investitionstätigkeit verlangsamt.

Aus historischer Perspektive betrachtet, scheinen sich die Entwicklungs- und Schwellenländer auf eine große Krise zuzubewegen. Natürlich könnten sie sich als widerstandsfähiger erweisen als ihre Vorgänger. Aber darauf sollten wir uns nicht verlassen. (mb)

© Project Syndicate, www.project-syndicate.org

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