Die Renaissance nationaler Egoismen ist unübersehbar – und damit ist ausnahmsweise mal nicht Donald Trumps "Make America great again"-Kampagne gemeint. Auch in Europa haben "Eigenbrötler" Zulauf. "Es sollte nicht überraschen, wenn die Bürger den Wert nationaler und supranationaler Einheiten immer weniger verstehen, wie die katalonische Sezessionsbewegung und der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs signalisieren", meint Karsten Junius. Integrationsbefürworter müssten deshalb die bestehenden Vorteile besser herausstellen, anstatt Abschreckungsszenarien zu konstruieren, findet der Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin.

Die Gegner einer katalonischen Abspaltung scheinen aus dem EU-Referendum im Vereinigten Königreich wenig gelernt zu haben. "Angstmachen hilft nicht. Aber genau das scheint die Strategie in Madrid und Brüssel zu sein", so Junius. Der Brexit würde zu einer schnellen Rezession führen, die Investitionen würden zurückgehen, die Arbeitslosigkeit ansteigen. "Ähnliche Argumente werden nun bei Katalonien angeführt. Der wirtschaftliche Schaden wäre immens. Denn bei einer Abspaltung von Spanien könne Katalonien nicht in der EU bleiben und den Euro behalten", erklärt der Experte.

Müsste ein abgespaltenes Katalonien tatsächlich die EU verlassen? "Ja, warum eigentlich?", fragt sich Junius. "Sowohl in der EU als auch im gemeinsamen Währungsgebiet gibt es kleinere Mitgliedsländer wie Malta und Zypern. Auch wurden in der Vergangenheit Länder aufgenommen, die sich noch nicht vor allzu langer Zeit von grösseren Nationalstaaten abgespalten haben wie die Slowakei und Slowenien. Warum sollte dies nicht auch im Falle Kataloniens möglich sein? Und vor allem, warum sollte es unwahrscheinlich sein, dass nach einer Abspaltung Kataloniens, Spanien oder die EU nicht weiter ein Interesse an einer engen wirtschaftlichen und politischen Verflechtung haben? Die Argumentation der Einheitsbefürworter scheint zeitinkonsistent zu sein."

Verfassungen sollten Prioritäten der Bürger reflektieren
Es seit ebenfalls nicht richtig, dass regionale Parlamente uneingeschränkt und an der nationalen Verfassung vorbei, ihre Unabhängigkeit ausrufen könnten – selbst, wenn die Geschichte reich an Beispielen dafür sei. Eine unendliche Fortschreibung des territorialen Status-Quo sei aber auch unrealistisch. Daher sollten nationale Verfassungen auch die sich wandelnden Präferenzen und Prioritäten der Bürger reflektieren – der Mehrheit sowie der Minderheiten. Im Zweifelsfall bedeute dies, dass die Möglichkeit einer geordneten Trennung nicht ausgeschlossen werden könne, weder auf nationaler Ebene noch jener der Währungsunion oder der EU. "Dies wäre auch nicht glaubhaft", vermutet Junius.

Stattdessen müssten Nationalstaaten und die EU sich an ein verändertes Umfeld anpassen, in dem die Globalisierung von einigen Bevölkerungsgruppen als Identitätsverlust empfunden werde und in dem die Vorteile der Zugehörigkeit zu einer nationalen oder supranationalen Einheit weniger offensichtlich erschienen als sie es beispielsweise für die Nachkriegsgeneration seien. Zu leicht sei es sonst für Populisten, den empfundenen Souveränitätsverlust auszunutzen und ihn nicht im Zusammenhang mit den Vorteilen einer nationalen oder europäischen Einigung und Einheit zu sehen. Selbstverständlich seien diese nämlich nicht, hält Junius fest. (kb)