Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon und volkswirtschaftlicher Berater der österreichischen Hello Bank, weist in seinem neuesten Kommentar darauf hin, dass sich in China eine fast vierjährige Phase schwieriger struktureller Anpassun­gen dem Ende zuneigt. Indizien dafür seien unter anderem das stabilere Wachstum, die Zunahme der Wäh­rungsreserven und die Aufwertung des Renminbis. Wichtig für Investoren: Wenn es China besser geht, hilft das der Weltwirtschaft, den Rohstoffpreisen und den Kapitalmärkten gleichermaßen. (aa)


Bei der Suche nach Anlagealternativen sind die Schwellen- und Entwicklungsländer ins Visier der Investoren gekom­men. Bei Aktien in Werte dieser Regionen konnte man in letzter Zeit erhebliche Gewinne erzielen. Könnte dabei auch China interessanter werden? Bisher war es das noch nicht. Seit Jahresbeginn ist der MSCI Emerging Markets um beeindruckende 20 Prozent gestie­gen. Der Shanghai Composite legte dagegen nur um be­scheidene drei Prozent zu. Das ist überraschend. Denn China ge­hört mit seiner Größe, seiner wirtschaftlichen Dynamik und seiner politischen Bedeutung zweifellos zu den Schwerge­wichten der Dritten Welt. Ohne sein Wachstum ginge es nicht nur Asien, sondern auch Lateinamerika, Afrika und Australien viel schlechter.

Um den Grund für das vergleichsweise schlechte Abschnei­den der Chinesen auf den Kapitalmärkten zu verstehen, muss man es in den historischen Kontext stellen. Das Land der Mitte befindet sich seit nunmehr bald vier Jahren in ei­ner schwierigen Phase der Anpassung. Probleme über Probleme türmten sich auf. Die Konjunktur war labil und brauchte immer wieder staatliche Unterstützung. Die private und öffentliche Verschuldung stieg weiter an. Es gab immense Ungleichgewichte in der Einkommens- und Ver­mögensverteilung. Hinzu kamen die regionalen Unterschie­de zwischen dem boomenden Osten und dem zum Teil zu­rückgebliebenen Landesinneren, die zu hohen innerchinesi­schen Wanderungen führten.

Die Löhne sind so stark gestiegen, dass es für viele aus­ländische Firmen nicht mehr interessant war, in China zu produzieren. Die Umweltbelastung war hoch. All das hat die Stimmung in China erheblich verschlechtert. Es kam zu ei­ner Kapitalflucht aus dem Land. Auch an den Börsen lief es nicht rund. Zunächst stiegen die Kurse massiv an. Dann platzte die Blase und die Kurse fielen in sich zusammen.

So eine Krise verschwindet nicht von heute auf morgen. Das braucht Jahre. Aber immerhin gibt es jetzt erste Indizi­en, dass die ergriffenen Maßnahmen wirken. Das gesamt­wirtschaftliche Wachstum in China geht nicht mehr weiter zurück, sondern scheint sich zu stabilisieren. Im zweiten Quartal betrug es 6,9 Prozent. Das waren mehr als erwartet, mehr als im letzten Jahr (6,7 %) und mehr als die Behörden als Ziel vorgegeben hatten (6,5 %). Natürlich ist das Wachs­tum nicht mehr zweistellig, wie es das lange Zeit war. Aber das ist in einem Land, das auf dem Weg ist, ein reifes In­dustrieland zu werden, ohnehin nicht mehr zu erwarten.

Die Währungsreserven der chinesischen Zentralbank gehen nicht weiter zurück. Sie steigen im Gegenteil erstmals seit drei Jahren wieder an. In den ersten sieben Monaten haben sie sich um 80 Milliarden US-Dollar erhöht. Das geschah, obwohl chi­nesische Unternehmen nach wie vor in der Welt auf Ein­kaufstour sind und auf Teufel komm raus im Ausland inves­tieren. In den letzten Jahren waren die Reserven um insge­samt ein Billion US-Dollar gefallen. Die Situation war so drama­tisch, dass die chinesische Zentralbank Kapitalverkehrskon­trollen einführen musste. Die Kontrollen sind aus Vorsichts­gründen bisher auch noch nicht aufgehoben worden.

Die chinesische Währung beginnt, sich gegenüber dem US-Dollar wieder zu festigen (noch nicht gegenüber dem Euro). Damit geht die drei Jahre dauernde Schwäche der Währung zu Ende. Für Auslandsinvestoren in China ist das eine gute Nachricht, da sie von Aufwertungsgewinnen profitieren können.

Aber auch für das Land selbst ist es nicht schlecht. Seine Exportindustrie braucht nicht die Unterstützung durch eine Abwertung. Die Handelsbilanz weist ohnehin einen großen Überschuss auf. Eine starke Währung unterstützt andererseits die politischen Bemühungen Pekings, den Renminbi im Kreis der Topwährungen der Welt zu etablie­ren. Vor einem Jahr war der Renminbi in den exklusiven Währungskorb der Sonderziehungsrechte des Internatio­nalen Währungsfonds aufgenommen worden.

Schließlich: Die chinesische Regierung macht Punkte, in­dem sie sich stärker weltpolitisch engagiert. Dazu gehört das große Investitionsprogramm zum Ausbau der Seiden­straße. Es umfasst 900 Milliarden US-Dollar. Dazu gehören aber auch moderatere Töne beim Umweltschutz und beim Welthandel. Es ist offensichtlich, dass Peking das Vakuum besetzen will, das die USA durch den Rückzug auf isolationistische Posi­tionen in der Welt entstehen lassen.

Die Addition der verschiedenen Indizien deutet darauf hin, dass sich in China etwas bewegt. Die schwierige Phase der Anpassung in China könnte sich dem Ende nähern. Auch in China selbst scheint sich – wie man hört – die Stimmung zu bessern.

Freilich sind das bisher nur marginale Besserungen. Man sollte sie nicht überschätzen. Die Risiken der chinesischen Wirtschaft sind noch hoch. Zudem steht der 19. Parteitag der kommunistischen Partei vor der Tür, auf der derzeitige Staatspräsident Xi Jinping wiedergewählt werden soll. Da bemüht sich Peking natürlich, schlechte Nachrichten zu­rückzuhalten und eher Positives zu zeigen.

Für den Anleger
Die Weltbörsen werden derzeit durch die politischen Span­nungen wegen Nordkorea belastet. Da sind sie für gute Nachrichten nicht empfänglich. Eine Besserung in China kommt aber langfristig nicht nur dem Land selbst zugute (und wird sich dort auch an den Börsen zeigen). Sie hilft auch der Weltwirtschaft. Sie wird nicht zuletzt zu höheren Rohstoffpreisen führen und damit auch den weltweiten Ka­pitalmärkten helfen."