Deutschlands Top-Ökonom und Ex-Ifo-Chef Hans-Werner Sinn hat die Pläne des französischen Präsidenten Emmanuel Macron für eine Reform der Europäischen Union (EU) scharf kritisiert. Er bemängelt insbesondere Macrons Vorschläge, einen gemeinsamen EU-Haushalt sowie einen Euro-Finanzminister zu etablieren. "Macrons Versuch, den Euroraum so zu mehr Staatlichkeit zu verdichten, bedeutet eine Spaltung der EU. Das halte ich für gefährlich", sagte er einem Bericht von "Börse Online" zufolge. "Ich bin gegen Maßnahmen, die speziell auf die Eurozone abstellen wie Eurobonds, Europäischer Stabilitätsmechanismus und Eurofinanzminister", heißt es demnach. In dem Artikel sprach sich Sinn aber auch für eine staatliche Vertiefung der EU aus, wie sie etwa in Macrons Forderungen nach einer starken EU-Asylpolitik zum Ausdruck kommt.

Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) kritisiert Sinn zudem die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Durch den Zwang zur Verteilung der Migranten auf EU-Staaten dürften die Fliehkräfte in der Gemeinschaft wachsen, so Sinn. Diesen Gedanken äußere er auch auf die Gefahr hin, wegen seiner Kritik abermals als Europafeind verunglimpft zu werden, wie schon in der Euro-Krise. Damals hatte Sinn sich kritisch über die "Euro-Rettung" geäußert. "Das ging unter die Haut, weil es eine Verleumdung war", schreibt die Zeitung: Deutschlands Mitgliedschaft in der EU sei dem Ökonomen ein Herzensanliegen, nur aus Sorge um die Gemeinschaft weise er auf die Gefahr einer zunehmenden Spaltung Europas hin.

Bange vor großer Koalition
Eine neuauflage der Großen Koalition unter Führung von Bundeskanzlerin Angela Merkel hält Sinn für wahrscheinlich. Er sieht diese wahrscheinliche Entwicklung allerdings mit Sorge: "Merkel könnte am Ende ihrer Amtszeit versucht sein, den großen Wurf zu wagen, um sich als echte Europäerin feiern zu lassen, nachdem ihre Energiewende gescheitert ist", zitiert ihn die FAS. Merkel könnte dafür einen zu hohen Preis zahlen, befürchtet er, so wie Helmut Kohl am Ende seiner Kanzlerzeit mit der Euroeinführung. (fp)