Die Spannung vor EZB-Sitzungen steigt in den letzten Monaten erheblich. Fünf Jahre nach seiner "Whatever it takes"-Rede gehen viele Marktbeobachter davon aus, dass Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, in der Sitzung Ende Oktober eine Reduzierung des Anleihekaufprogramms verkünden wird. Ein kürzlich veröffentlichtes Sitzungsprotokoll zeigt, dass sich die EZB bereits in der Septembersitzung mit solchen Szenarien auseinandergesetzt hat. Allerdings hatte Draghi damals – für viele enttäuschend – alles beim Alten gelassen.

Laut Gergely Majoros, Mitglied des Investment-Kommittees von Carmignac, kann Draghi gar nicht anders. Er muss sogar rasch – nämlich in den nächsten zwölf bis 18 Monaten – komplett aus dem Programm raus, in dessen Rahmen derzeit Anleihen im Umfang von 60 Milliarden Euro pro Monat gekauft werden: "Nicht nur, dass es fundamental nicht mehr gerechtfertigt ist, so weiter zu machen. Es gibt Wirtschaftswachstum, Inflation ist da, Deflation kein Thema mehr und die politischen Risiken sind geringer. Vielmehr sehen wir auch technische Gründe für einen Ausstieg. Zum einen darf die EZB bis zu 33 Prozent der Anleihe-Emissionen jedes Landes kaufen. Und wenn das Tempo so weiter gehen würden, wäre diese Grenze in den nächsten Monaten etwa in Ländern wie Deutschland erreicht. Zweitens gibt es am Markt immer weniger Papiere, die emittiert werden. Das Angebot ist extrem limitiert im Vergleich zur monatlichen Nachfrage der EZB“, sagt Majoros. In den nächsten zwölf bis 18 Monaten müsse die EZB "komplett aus dem Programm raus". "Wir glauben, dass Draghi gezwungen sein wird, auszusteigen", sagte der Experte gegenüber FONDS professionell ONLINE.

Bunds raus, Bankanleihen rein
Man stehe definitiv vor einem Wendepunkt, und "bei Wendepunkten heißt es immer: aufpassen!" Carmignac selbst richte sich darauf ein, unter anderem, indem man Cash-Quoten relativ hoch hält und auf diese Weise flexibel bleibt. Zu den anfälligsten Papieren zählen Kategorien wie die zehnjährigen deutschen Bundesanleihen: "Die haben immer noch eine Rendite von 45 bis 50 Basispunkten. Das ist extrem wenig für ein Umfeld mit Wachstum und Inflation. Hier müssen die Renditen einfach steigen".

Es gebe momentan wenige Segmente, in denen man sich wirklich wohl fühle. Zu diesen Wenigen zählen europäische Bankanleihen, sagt Majoros: "Das ist der einzige Sektor in Europa, wo die Verschuldung tendenziell runtergeht. Das heißt, das Kreditrisiko sinkt. Da finden wir noch attraktive Gelegenheiten". Hintergrund sind die Regulierungen der EZB, aufgrund derer die Banken ihre Eigenkapital-Struktur qualitativ hochwertig halten müssen. "Bei deutschen Bunds sind wir short, bei europäischen Bankanleihen sind wir long".

Bankanleihen seit 2012 ein Renner
Man habe 2012 wieder angefangen, Bankanleihen zu kaufen, und zwar sehr vorsichtig: "Wir sind ohnehin auf die nationalen Champions fokussiert. Aber selbst da haben wir zuerst bei den sichersten Tranchen zugegriffen. Erst, als die Segmente sehr gut gelaufen sind, sind wir in riskantere Papiere gegangen. Zum Schluss waren wir dann auch in Cocos, die bei den Bankanleihen am nähesten am Eigenkapital dran sind", so Majoros. Nachdem diese zuletzt "zu stark gelaufen" waren, sei man hier aber fast komplett rausgegangen. Außerdem: "In diesem Liquiditätsumfeld, wo man den Wendepunkt in den nächsten Wochen und Monaten sehen wird, möchte man auch nicht die volatilsten Anleihen im Portfolio haben". Die vorrangigeren Bankanleihen habe man hingegen behalten.

 "Temporär" könne man sich auch in Peripherieanleihen, insbesondere in Spanien und Italien, gut fühlen, "wo man derzeit noch einigermaßen Rendite hat". Hier kann man sich noch mit Anleihen eindecken, bevor die Renditen dort sinken. Aufgrund der guten Situation könnten künftige Anleger in diesen Staaten bald weniger Rendite sehen, während die Renditen in Deutschland eher steigen dürften. "Wir sind für Europa positiv. Auch, weil wir glauben, dass das Duo Merkel-Macron gut funktionieren wird. Sie haben eine ähnliche Ansicht zur europäischen Entwicklung, und sie werden die Eurozone langfristig voranbringen. Das wird die Peripheriestaaten unterstützen", sagt Majoros.

Emerging Markets an einem guten Punkt
In der aktuellen Umschwungsphase seien für Anleger und Investoren außerdem Emerging Markets insteressant. "Was 2016 in den USA angefangen hat, hat sich in den Rest der Welt verbreitet. Die Emerging Markets profitieren jetzt davon, dass der Aufschwung global wurde", sagt Majoros. Man befinde sich in einem sehr vorteilhaften Zyklusstadium: Das Momentum habe sich aus den USA verlagert in den Rest der Welt, der Dollar wird tendenziell schwächer, und die anderen Währungen werten auf.

"Da die Emerging Markets in weiten Teilen in Dollar verschuldet sind, ist das eine gute Nachricht für sie." Die Kapitalflüsse der Investoren, die dieser Wachstumsbeschleunigung in die Emerging Markets folgen, wirkt dabei zusätzlich wie ein Verstärker. "Der wichtigste Punkt, den man im Auge behalten sollte, ist der Dollar", sagt  Majoros: "Die Emerging Markets werden gut laufen, so lang der Dollar relativ schwach ist. Wenn er stärker aufwertet, muss man aufpassen." (eml)