Für die Architekten von Aktienbarometern stellt sich die grundsätzliche Frage, wie die einzelnen Papiere im Index gewichtet werden sollen. Weit verbreitet ist die Methode, die Titel nach ihrer Marktkapitalisierung, also auf Basis der Multiplikation von Aktienkurs und der Anzahl ausstehender Aktien, zu berücksichtigen. Diese Variante bietet den Vorteil, dass sie allgemein leicht verständlich ist und ein Index relativ einfach konstruiert werden kann. So einfach, so gut also. Doch diese populäre Methode hat zugleich zur Folge, dass die Anteilscheine großer Konzerne in den Indizes ein höheres Gewicht als kleiner kapitalisierte Mittelständler einnehmen

Auch das Gros an ETFs wird auf Basis kapitalgewichteter Aktienindizes wie etwa dem US-amerikanischen S&P 500 aufgelegt. Viele Anleger denken, dass ein Investment in einen solchen ETF automatisch eine gute Diversifikation mit sich bringt, was angesichts der schieren Zahl von 500 Mitgliedsunternehmen beim US-Leitindex auf den ersten Blick plausibel klingt. 

Dies ist in der Praxis häufig jedoch nicht gegeben. Im Falle des S&P 500 liegt die durchschnittliche Gewichtung einer Aktie bei gerade mal 0,2 Prozent. Schuld daran ist die geradezu erdrückende Dominanz einer Handvoll Börsenschwergewichte: Aktuell sind beispielsweise Apple-Aktien mit fast vier Prozent und Microsoft-Papiere mit mehr als drei Prozent die zwei am stärksten gewichteten Aktien. 

Achtung, Klumpenrisiko!
Dies bringt ein gewisses Klumpenrisiko mit sich: Wenn ein Anleger nun einen solchen ETF kauft, investiert er automatisch mehr groß- als kleiner kapitalisierte Aktien ein. Falls hoch gewichtete Aktien in weiterer Folge eine unterdurchschnittliche Performance zeigen, kann der ETF-Anleger nicht gegensteuern. Es besteht auch keine Möglichkeit, eine Aktie nach einem überdurchschnittlichen Kursanstieg geringer zu gewichten.

Teilweise kann die Performance von kapitalgewichteten Indizes durch einige wenige Aktien massiv beeinflusst sein. Als Beispiel sei die Performance des S&P 500 Index von Jahresende 2017 bis Mitte März 2018 herangezogen. Die Entwicklung des Index war in diesem Zeitraum sehr stark von IT-lastigen Aktien getrieben. Konkret sorgten die fünf Titel Amazon, Microsoft, Apple, Netflix und Cisco für rund 50 Prozent des Indexanstiegs. Damit aber ist die These, der S&P 500 stehe stellvertretend für den gesamten US-Aktienmarkt, hinfällig. Wenn der Markt nur von der Entwicklung weniger Titel bestimmt wird, lässt sich nicht mehr behaupten, dass der Index den Verlauf des gesamten Marktes widerspiegelt. Insofern kann die Analyse eines kapitalgewichteten Index auch ein falsches Bild von der Marktrealität vermitteln.

Weitere Schieflagen programmiert
Es gibt noch andere unerwünschte Effekte, die bei einem Investment in einen ETF, der auf einem kapitalgewichteten Index basiert, auftreten können. So weisen die Spezialisten der Bank Gutmann in Wien darauf hin, dass Wachstums-Aktien, sogenannte Growth Stocks, die gerade einen Hype erleben und damit auch teurer bewertet werden, im Portfolio höher gewichtet sind als Value-Aktien. Das verleiht dem Investment zusätzlich einen sogenannten Style-Bias, der nur wenigen Anlegern bewusst ist.

Außerdem erhält das Portfolio eine verstärkte Ausrichtung auf Momentum-Aktien. Wenn der Kurs einer Aktie überproportional steigt, nimmt auch deren Gewichtung im Index zu. Investoren, die einen ETF kaufen, investieren einen höheren Anteil in die betroffene Aktie als dies vor dem Kursanstieg der Fall gewesen wäre. Es kann kaum die Ambition aller ETF-Käufer sein, in eine solche Momentum-Strategie zu investieren, meinen die Gutmann-Experten. 

Alternativen
Betreffend die Portfolio-Gewichtung gibt es Alternativen. Bei der sogenannten Equal-Weight-Strategie, also einer Gleichgewichtung, werden alle im Index befindlichen Aktien mit demselben Gewicht versehen. Dies erfordert zwar ein periodisches Rebalancing, also ein erneutes Ausrichten der Aktien auf die gleiche Gewichtung, da sich die Gewichtungen durch die Marktbewegungen ändern. Daraus entstehen einserseits zusätzliche Kosten, aber es ergeben sich auch einige Vorteile.

Das Klumpenrisiko wird minimiert, da keine Aktie überproportional stark im Index vertreten ist. Dazu kommt, dass beim Rebalancing die Anteile von Gewinneraktien tendenziell reduziert und die Anteile von Aktien, die gefallen sind, aufgestockt werden (Contrarian). Erwähnenswert ist weiters, dass in einem Equal-Weight-Portfolio Aktien mittelständischer und keinerer Unternehmen stärker als bei kapitalgewichteten Indizes vertreten sind. Ein gleichgewichteter Index ist daher stärker auf Small-Cap-Aktien ausgerichtet als ein kapitalgewichteter Index.

Hinzu kommt, dass gleichgewichtete Indizes mehr in günstige Aktien, in Value Stocks, investieren als kapitalgewichtete Indizes. Diese beiden Eigenschaften von gleichgewichteten Indizes, stärker in kleiner kapitalisierte und günstiger bewertete Aktien zu investieren, kann in einer langfristig besseren Performance resultieren, erklären die Gutmann-Fachleute. In der Vergangenheit haben diese Faktoren für Outperformance gesorgt. (kb/ps)