Schon eine Lektüre für den nächsten Urlaub beiseite gelegt? Wie wäre es hiermit: Das Basler Regelwerk zur Bankenregulierung ist mittlerweile mehrere tausend Seiten stark. Kurz nach der Jahrtausendwende kam es zu einer wahren Flut neuer Regulierungen, allein seit Ausbruch der weltweiten Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 kamen weitere 2.795 Seiten neu hinzu.

Doch die Regulierungsflut ist nur von begrenztem Nutzen, urteilt die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ). Sie konnte die Finanzkrise nicht einmal im Ansatz verhindern und sorgt mittlerweile dafür, dass allein die Lektüre des Regelwerks zur Mammutaufgabe wird – von der Umsetzung der dort fixierten Bestimmungen mal ganz abgesehen.

Vieles kann, kaum etwas muss
Es fängt schon damit an, dass der größte Teil des Konvoluts bloß als Empfehlung fixiert ist. So finden sich häufig unverbindliche Formulierungen, die eher "Kann"- als "Muss"-Bestimmungen umreißen.

"Immer wieder stößt man auf das Wort 'should' (= ''sollten'). Selbstverständlich geht es in regulierenden Dokumenten häufig darum, was Banken und andere Akteure tun sollen. Aber verpflichtende Verben kommen weit seltener vor: 'must' (= 'müssen') ist in der Textsammlung mit 5.102 Vorkommen nicht einmal halb so häufig wie 'should' (13.926 Vorkommen) vertreten", halten die NZZ-Redakteure fest.

Wettbewerb wird erstickt
Die NZZ-Autoren erklären das damit, dass es sich bei den Texten um internationale Standards und nicht um Gesetzestexte handelt. Die Vorgaben des Basler Ausschusses sind rechtlich nicht bindend. Bevor sie auf die Banken einzelner Länder angewandt werden können, müssen sie in nationales Recht gegossen werden.

Die wachsende Komplexität des Regelwerks – Standardsätze bestehen im Schnitt aus rund 26 Worten (!) – verursacht vor allem eines: gewaltige Kosten. Die Umsetzung neuer regulatorischer Vorschriften soll die Deutsche Bank laut NZZ-Zählung allein im Jahr 2014 rund 1,3 Milliarden Euro gekostet haben. Die US-Bank JPMorgan Chase soll dafür zwischen 2012 und 2014 mehr als 13.000 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt haben.

Textmenge der vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht publizierten Regularien

Quelle: Neue Zürcher Zeitung (NZZ)

Die Kosten für die Umsetzung neuer Regeln treffen nach Einschätzung der NZZ die gesamte Finanzbranche – die diese, sofern möglich, wiederum auf ihre Kunden abwälzt. Die wachsenden regulatorischen Hürden erschweren zudem den Markteintritt neuer Firmen und beeinträchtigen so den Wettbewerb in der Branche. Beides führt letztlich dazu, dass Finanzdienstleistungen für Verbraucher teurer werden.

Risikoanalyse liefert ständig neue Ergebnisse
Ein Ende ist nicht abzusehen. Hinzu kommt nämlich, dass der Basler Ausschuss laut NZZ-Beobachtung ständig neue Risiken als akut systemgefährdend ausmacht. "Vor den 1990er Jahren standen klassische Kapitalvorschriften im Zentrum – etwa in Form einer Eigenkapitalquote. Doch schon 'Basel II' fußte auf drei Pfeilern: Kapitalvorschriften, aufsichtliche Überprüfungsverfahren und Marktdisziplin", stellt die Zeitung in ihrer Analyse fest.

Vor allem die aufsichtsrechtlichen Überprüfungsverfahren erfüllten die in sie gesetzten Hoffnungen nicht annähernd. "Wenn Investoren wissen, was in einer Bank vor sich geht, dann sanktionieren sie riskantes Verhalten aus eigenem Antrieb, so die Überlegung, die sich 2007 als falsch herausgestellt hat", lautet das wenig schmeichelhafte Zwischenfazit.

Nach der Finanzkrise sei das Thema Marktdiszplin in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, an dessen Stelle aber trat eine Fülle an Liquiditäts- sowie neuen Kapitalvorschriften – die bei der Krisenprophylaxe aber ebenfalls versagten. Grund: Marktrisiken wurden von den verantwortlichen Bankmanagern entweder aus mangelnder Sachkenntnis oder aus fehlgeleiteten Gewinnmaximierungsabsichten heraus unterschätzt.

Kontrollwut lähmt Sektor
"Bisher hat sich das Regelwerk des Basler Ausschusses noch nie lange unverändert gehalten. Das war vor der jüngsten Finanzkrise so, und es ist nicht absehbar, dass sich das demnächst ändern würde", schreibt die NZZ. Dabei haben die Adressaten schon jetzt ihre liebe Not damit, die Regeln zeitnah und vollumfänglich umzusetzen.

Der Umsetzungsdruck durch Anacredit, BCBS 239, MifID II und Basel III wird allmählich zur erdrückenden Last. Immerhin 72 Prozent der Kreditinstitute in Deutschland befürchten, dass sie die Vielzahl neuer regulatorischer Anforderungen von nationalen und europäischen Aufsichtsbehörden nicht fristgerecht werden umsetzen können. Bei nach Bilanzsummen großen Geldinstituten sehen 84 Prozent der Verantwortlichen derzeit entsprechende Risiken. Das sind Ergebnisse der Studie "Regulatorischer Stauatlas 2017" der Unternehmensberatung PPI, für die Führungskräfte von Kreditinstituten zu Stand, Ausblick und Herausforderungen bei der Umsetzung regulatorischer Anforderungen befragt wurden.

Die Studie zeigt auch die Folgen der Regulierungswelle auf, die von Seiten der staatlichen Stellen in Deutschland und der Eurozone auf die Banken zugerollt ist: So gibt es in nahezu allen Instituten (96 Prozent) mindestens eine spezielle personelle Maßnahme, welche die Umsetzung der aufsichtsrechtlichen Vorgaben zum Ziel hat. Maßnahmen sind dabei die Neueinstellung von Mitarbeitern (44 Prozent), die gezielte Fort- und Weiterbildung des Bestandspersonals (76 Prozent) und vor allem der befristete Einkauf von externem Know-How (80 Prozent).

Kostendruck wächst, ebenso die Ertragserosion
"Die Banken stehen durch die vielen Regulierungsvorhaben unter enormen Leistungs- und Veränderungsdruck, da sie viele neue und regulatorisch notwendige Prozesse parallel implementieren müssen, ohne die Cost-Income-Ratio und die steigenden Kapital-anforderungen aus dem Blick zu verlieren" erläutern die Leiter der Studie Monika Kornet (Managing Consultant Compliance) und Dennis Dünow (Consultant Risikomanagement). "Das betrifft im Zeitalter der digitalen Transformation gerade auch die IT-gestützten Prozesse, die mehr und mehr Angriffsfläche für Cyberkriminalität bieten und gleichzeitig den wachsenden Anforderungen an die Datensicherheit standhalten müssen."

Neben Risiken auch Chancen 
Die regulatorischen Anpassungen werden von den Kreditinstituten dennoch nicht nur als lästige Pflicht gesehen, die mit hohem Aufwand und Kosten verbunden ist, ondern zumindest in einzelnen Bereichen durchaus auch als Chance.

In der IT erwarten die Kreditinstitute beispielsweise positive Entwicklungen hinsichtlich Performance und der grundsätzlichen Vereinfachung bestehender Prozessabläufe. Auch in den Bereichen Risikomanagement und Compliance werden positive Effekte gesehen – insbesondere eine weitere Digitalisierung und Automatisierung. (fp/kb/ps)